Was genau macht ihr da eigentlich?

Eine Frage, die viel häufiger auftaucht, als man meinen möchte.

Wenn wir Verwandten, Freunden oder Arbeitskollegen von unserem doch recht ungewöhnlichen Hobby erzählen, folgt oft Unverständnis und meistens auch Neugierde.

Manche halten das Ganze für eine Art von Freilichttheater, andere denken dabei eher an Faschingsumzüge. Eine meiner Arbeitskolleginnen war sogar der Meinung, das wäre sowas wie ein Swingerclub mit Kostümen und meinte mit verständnisvollem Nicken, dass sie ja auch für alles offen wäre ...

Um also solche Missverständnisse der seltsamen Art zu vermeiden, hier eine kurze (und garantiert jugendfreie) Beschreibung dessen, was wir machen:

Wir sind ein Mittelalter-Reenactment Verein.

Wir fahren mit unserer Ausrüstung auf Mittelaltermärkte und präsentieren den Besuchern dort mittelalterliches Leben, Kämpfen, Arbeiten. Man könnte sagen, wir sind eine Mischung aus Freizeitschaustellern und Hobbyhistorikern.
Dabei ist uns die geschichtliche Seite sehr wichtig. Wir versuchen den historischen Fakten so nahe zu kommen, wie das unsere zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten zulassen.


Ausstattung

Eine Reenactment Grundausrüstung für Besucher eines Mittelaltermarktes umfasst:

  • Gewandung (bitte niemals 'Kostüm' oder noch schlimmer 'Verkleidung' - GANZ böser Faux-Pas!)
  • Diverses Zubehör zur Gewandung wie Gürtel, Gürteltasche, für die Damen Schleier oder Kopftuch, Schuhe

Will man (wie wir) mit einem ganzen Lager und als Darsteller teilnehmen, braucht man:

  • Zelte - und zwar nicht die bekannten rucksackfreundlichen Miniunterkünfte sondern mehrere Meter hohe und breite Schönheiten aus Segeltuch, mit hölzernem Gestänge und passenden Abspannseilen.
  • Ein entsprechendes Sonnensegel, das auch vor Regen schützen kann
  • Möbel wie Sitzbänke und Tische
  • Geschirr, Beleuchtung (Öllampen, Wachskerzen, Talglichter, etc), Kochutensilien, Besteck
  • Lebensmittel, die man auch vor Besuchern auf den Tisch stellen kann. Also keine Schokolade, keine Kartoffeln, keine Tomaten, keine Bananen und schon gar nichts, was wegen der Verpackungen nicht ins Ambiente passt
  • Medikamente, ein Erste-Hilfe-Paket und einen Feuerlöscher
  • Pfähle und ein Seil, um die Bereiche abzugrenzen, wo die Besucher nicht hin sollen, zum Beispiel die Feuerstelle oder ein dichtes Gewirr von Abspannseilen (sonst gibt es hinterher Besucher, die über Zeltheringe stolpern oder in die Feuergrube fallen).
  • Ein Schild mit den Worten 'Bitte die Darsteller nicht füttern' (Nein, das war ein Scherz ...)

Für die Spezialisten unter uns, die auch Handwerk darstellen oder Schwertkampftraining betreiben, kommt dann natürlich noch die entsprechende Sonderausstattung dazu.


Wie läuft so ein Markt dann also ab?

Lageraufbau
Lageraufbau (Enns 2014)

Die Markthauptsaison geht von April bis Oktober, wobei es immer auch einige mittelalterliche Winter- und Christkindlmärkte gibt. Allerdings braucht man für die Märkte außerhalb der Saison noch einmal spezielle Ausrüstung, weshalb wir uns auf die Sommermonate beschränken.

Zunächst einmal muss man sich natürlich anmelden oder man wird eingeladen. Dabei bespricht man mit dem Veranstalter auch, was man auf dem Markt anbieten möchte oder was vom Veranstalter gewünscht wird. Der Veranstalter stellt für gewöhnlich Strohballen und Feuerholz für das Lager, Zugang zu frischem Wasser und Toilettenanlagen.

Manchmal gibt es auch Verpflegung oder die Fahrtkosten werden ersetzt.

Wenn man als Gruppe auch ein Schau- oder Workshopprogramm anbietet, ist es üblich eine Gage zu verlangen.

Unser Lager auf dem Mittelalterfest in Enns 2011
Unser Lager auf dem Mittelalterfest in Enns 2011

Man packt also (meistens am Freitag) alles zusammen und fährt zum Markt. Dort bekommt man einen Lagerplatz zugewiesen und ist dann erst einmal ein paar Stunden mit Aufbauen beschäftigt.

In einem fertigen Lager stehen die Zelte normalerweise im Halbkreis, das Sonnensegel überspannt den Platz in der Mitte und darunter stehen die Bänke und Tische.
Die Strohballen sind zwischen den Zelten verteilt. Sie dienen als Streu, falls der Boden sehr feucht ist aber auch als Sitzgelegenheiten, als Sichtschirm (zum Beispiel für den Müllsack oder den Feuerlöscher) und verstärken natürlich auch die Atmosphäre.

Ein wichtiger Teil jeden Lagers ist das Feuer - Anweisungen dafür erhält man auch vom Veranstalter - darf man direkt auf dem Untergrund Feuer machen? Soll eine Feuergrube ausgehoben werden? Muss ein Feuerblech verwendet werden? Etc.

Holzrauch ist übrigens einer der ganz typischen Gerüche, die man von wirklich jedem Markt mit nach Hause bringt, weil es sich nicht vermeiden lässt, im Laufe eines Wochenendes öfter auch im Rauch zu sitzen.

Nach dem Aufbau verwandelt man sich in sein Mittelalter-Ich, sprich: man zieht sich um. Und dann kann der Markt eigentlich los gehen.

Abendstimmung im Lager
Abendstimmung im Lager

Man verbringt dann ein Wochenende damit sich den Markt anzusehen, Ausrüstung einzukaufen, mit Gleichgesinnten fachzusimpeln, Trainingskämpfe auszufechten, das eigene Programm durchzuziehen, Fragen von Besuchern zu beantworten und die wirklich unvergleichliche Atmosphäre zu genießen.

Natürlich ist es auch ein arbeitsintensives Hobby. Jeder hat seine Aufgaben im Lager und jeder muss zugreifen, wenn es nötig ist. Wasser und Holz schleppen, alles sauber halten, kochen, bei Vorbereitungen für das Programm helfen ... vom großen logistischen Aufwand des Transports, des Auf- und Abbauens einmal ganz abgesehen.

Aber das alles ist die Mühe wert für unsere Tauchgänge ins Mittelalter. Besonders schön ist es Abends, wenn die Besucher weg sind und es langsam dunkel wird. Dann bleibt nur die Beleuchtung durch die Feuer, Lampen und Kerzen. Man sitzt zusammen, besucht sich gegenseitig in den Lagern, kocht auf dem offenen Feuer, isst, trinkt und macht es sich gemütlich.

Wenn man dann schließlich so langsam in den Zelten verschwindet, ist es meistens schon recht spät - oder früh.
Am Ende des Marktes baut man wieder ein paar Stunden ab, packt alles ein und fährt nach Hause. Schmutzig, müde, halb geräuchert und SEHR zufrieden.


Nach dem Markt ist vor dem Markt

Die Recherche zählt zu den wichtigsten Aktivitäten in unserem Hobby
Was gerne übersehen wird: Auch umfangreiche Recherche zählt zu den Tätigkeiten in unserem Hobby.

Obwohl die Märkte natürlich die Höhepunkte des mittelalterlichen Jahres darstellen, beschäftigen wir uns auch Zuhause mit dem Thema.

Abgesehen vom wöchentlichen Training unserer Schwertkämpfer, muss natürlich auch die Ausrüstung laufend gereinigt, repariert und erweitert werden. Wir machen so viel wie möglich selbst, haben unsere Möbel und das Sonnensegel selbst gebaut und arbeiten auch ständig an Gewandung, Rüstungen, Waffen und sonstiger Ausrüstung. Wer, zum Beispiel, schon einmal gezwungen war, ein frisches Schaffell zu waschen und einzufetten, der weiß, wie viel Zeit und Mühe wir auch außerhalb der Märkte in unser Hobby stecken.

Außerdem recherchieren, arbeiten, diskutieren und organisieren wir das ganze Jahr über, damit diese Homepage und die Lager so funktionieren wie es sein soll.

Ich hoffe, damit konnten ein paar Un- und Missverständnisse ausgeräumt und etwas Licht in unser ganz persönliches Mittelalter gebracht werden.


Christa Schwab

 

Borte (Seitenabschluß)