Mittelalterfest auf dem Georgenberg in Enns

3.8. - 5.8.2012


Sucht

Zwei Jahre Lager-Zwangsabstinenz. Das verursacht schreckliche Entzugserscheinungen. Zum Beispiel ist da das dringende Bedürfnis irgendwo ein Zelt aufzustellen, plötzliche Anfälle von Feuer-machen-wollen und eine unstillbare Sehnsucht nach einer doppelten Lage Röcke.

Letztes Wochenende konnte ich meiner Sucht endlich wieder nachgeben. Es ging nach Enns, zur 800-Jahr-Feier und dem damit verbundenen Fest. Und – und das war das Schönste daran – ich musste nicht alleine hin. Schließlich haben andere Mittelalter-Süchtige das Vergnügen mit mir geteilt.

Wir hatten ein richtig großes Lager – eine wahre Zeltstadt – und auch eine große Besetzung. Sechs Zelte und 12 Leute! Bianca und Antje und ihre beiden Töchter Lisa und Theresa (um die Damen zuerst zu nennen), außerdem Stefan, Julian, Johannes, Patrik, Christian, Valentin und natürlich René und ich. Im Laufe des Marktes haben sich dann als Besucher noch Sabine und Michael und seine Familie dazu gesellt.

Unser Lager - nach dem Ausladen.
Unser Lager - nach dem Ausladen.

Aufbau der Zelte.
Aufbau der Zelte.


Vorbereitungen

Am Mittwochabend habe ich mich also mit Antje und ihren Mädchen auf den Weg gemacht um einzukaufen, damit sich die Authentizität nicht auf das Hungerleiden erstreckt. Am Donnerstagabend wurden die Autos bzw. der Hänger geladen – und am Freitag wars endlich soweit.
Treffpunkt: 09.30 Uhr Ennser Stadtpark.

Und wir waren gut. So RICHTIG gut. Das ganze, große Lager war in knappen vier Stunden komplett aufgebaut! Und das obwohl einige von uns noch nicht viel Erfahrung mit dem Lageraufbau haben. Ich versuche mir vorzustellen, wie das Ganze nach ein paar Lagern mehr laufen wird. Da steht dann das Lager wahrscheinlich mit einem Fingerschnippen…

Jedenfalls: Danach gab's den traditionellen Aufbau-Radler und etwas verdientes Ausruhen und schließlich ging es dann auch schon los.


Das Fest

Festbeginn war um 19.00 Uhr mit hochoffizieller Markteröffnung durch die Veranstalter Civium Anasi und Vertreter der Stadt Enns. Dabei wurde sogar die Übergabe der Stadtrechtsurkunde nachgestellt – komplett mit Herzog auf dem Pferd.

Apropos Veranstalter und Civium Anasi: die Organisation des Festes kann man nur als makellos bezeichnen. Die Belange und Sorgen der Lagergruppen war keine Nebensache oder gar lästig. Vielmehr hat man sich liebevoll um uns gekümmert. Angefangen von den perfekt gepflegten Sanitäranlagen, über die 'Versorgungskisten' mit Gemüse, Obst, Wurst, Käse und Brot bis hin zu Freigetränken, Eierspeis und einem Marktende, das genug Zeit zum Abbauen in aller Ruhe gelassen hat. (Schließlich sind sehr viele von uns am Montag wieder in ihren diversen Berufen gefordert. Da schätzt man letzteren Punkt ganz besonders.)

Außerdem war da – und das habe ich in dieser Form noch nie erlebt – die häufige, auch öffentliche Erwähnung wie wichtig die Lagergruppen sind und wie ernst sie vom Veranstalter genommen werden. Es gab Rätselspiele nur für die Gruppen und mehrmals wurden alle Gruppen genannt. Dabei wurden nicht nur einfach die Namen aufgelistet sondern auch zu jeder eine kleine Geschichte, Anekdote oder einfach nur ein herzliches DANKE präsentiert. Und es gab für alle noch einmal ein Dankeschön-Paket mit diversen Geschenken aus Enns wie Schokolade und der Ennser Festschrift zum 800-Jahre-Jubiläum. (Die Schokolade wird den nächsten Via-Nostra-Stammtisch sicher nicht überleben …)

Samstags war der traditionelle Umzug angesetzt, der wie immer viel Gelegenheit geboten hat, zu sehen und gesehen zu werden. Besonders gut hat mir dabei gefallen, dass von den Ennser Zuschauern das eine oder andere Mal herzlich applaudiert wurde, als wir vorbei gegangen sind. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass die Leute sich über uns und das Fest gefreut haben.

Ein Stilleben mit den Gaben aus dem Lebensmittelpaket, das es für jede Lagergruppe gab.
Ein Stilleben mit den Gaben aus dem Lebensmittelpaket, das es für jede Lagergruppe gab.

Mittags wurde dann mit unseren Nachbarn, den Burgaere Lintze gemeinsam gekocht. Beide Rezepte hat Sandra für uns vorrecherchiert.

Aus dem Liber de Coquina (ca. 1300):

  • Von fetten Fleischstücken (Eintopf aus Rind- und Schweinefleisch mit Lauch, Zwiebeln, Knoblauch, vielen Kräutern, Salz und Pfeffer)
  • Carmelina Sauce (viele Gewürze, wie z. B. Zimt, Langpfeffer, Ingwer, Muskatnuss, etc. angerührt mit Essig – diese Sauce wird ähnlich wie Senf gegessen)
  • Linsen mit Käse (Linsen, gekocht mit Salz, Pfeffer und vielen Kräutern und zum Schluss kräftiger Käse darüber)


Blutzoll

Der einzige Wehrmutstropfen dabei war die Tatsache, dass Valentin das mit dem Fleisch schneiden ein bisschen zu eifrig angegangen ist und sich dabei heftig in den Finger geschnitten hat. Nach einem kurzen Krankenhausbesuch hat sich das Ganze aber – zum Glück! – als nicht so schlimm heraus gestellt. An dieser Stelle ein Dankeschön an Christoph von den Burgaere Lintze, der Valentin ins Krankenhaus begleitet hat, weil der Rest von uns zu dem Zeitpunkt beim Umzug war!

Überhaupt hatten wir den Markt der kleinen Blessuren. Ich habe es schon beim Aufbau geschafft, mir den Zeh blau zu schlagen und Antje hat sich die Ferse an einer Säge verletzt. Aber auch bei uns beiden haben sich die Auswirkungen als moderat heraus gestellt und wir konnten beide trotzdem das Fest genießen.


Sturm, Donner und Hagel

Bei jedem Markt ist das Wetter ein Thema. Schließlich sind wir ihm fast schutzlos ausgeliefert.
Dieses Mal hat es das Wetter aber grundsätzlich SEHR gut mit uns gemeint. Der Freitag war bewölkt aber trocken und Samstag und Sonntag waren heiß und strahlend sonnig.
Bis auf das Gewitter am Samstagabend. Ein Gewitter, das einen ganz eigenen Absatz in diesem Bericht verdient hat.

Man hat uns schon früh informiert, dass es eine Unwetterwarnung gibt. Sturm und Hagel, hieß es – also denkbar ungemütlich. Und dann kam der Aufruf zur Evakuierung des Lagers. Alle Teilnehmer und Besucher wurden ins Schloss gebeten, damit niemandem was passiert. Antje hat sich daraufhin entschlossen, mit ihren beiden Kindern nach Hause zu fahren – eine verständliche und richtige Entscheidung.

Der Rest von uns hat in Eile noch alles, was herumgelegen hat, in die Zelte geschmissen, die Vordächer und das Sonnensegel umgelegt, das Wichtigste (Papiere, Geld, Handys, etc.) mitgenommen und ist der Evakuierungsaufforderung gefolgt. Mit einem aufmerksamen Auge auf das nahende Wetter und zwei sehr aufmerksamen Augen auf die Vollzähligkeit der Gruppe sind wir dann ins Schloss geeilt.

Die Leute dort waren (soweit ich das sehen konnte) auf viele Räume und Gänge des Schlosses verteilt, aber uns hat es in den oberen Stock verschlagen – in einen Veranstaltungssaal mit Bühne. Wir haben uns also auf eine gewisse Wartezeit eingerichtet. Bis die Schandgesellen wohl irgendwie auf den Raum und die Bühne aufmerksam gemacht wurden und natürlich prompt dort auftauchten. Wie nicht anders zu erwarten bei der Konstellation: Musiker + Bühne + Publikum + Zeit = Spontane Jamsession

Für eine halbe Stunde haben die Schandgesellen uns so die Zeit vertrieben und – wenigstens ein bisschen – die Gedanken an ein möglicherweise völlig zerstörtes Lager.

Nach etwa einer Stunde kam dann aber schon die Entwarnung. Immer noch eine Menge Regen aber kein Sturm mehr und auch sonst keine Gefahr in Verzug. Im Dunkeln sind wir also zu unserem Lager zurück gegangen und haben erst einmal aufgeatmet: alles OK, nichts beschädigt. Wir haben dann zwei Vordächer (Mannschaftszelt und das vom Zelt von René und mir) wieder aufgerichtet, damit wir in die Zelte konnten. An das Sonnensegel war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. Wir wären nur bis auf die Haut nass geworden, außerdem war das Segel natürlich auch nass und wäre entsprechend schwer gewesen.

Wir haben uns also einfach zwei Bänke in das Mannschaftszelt gestellt und sind dort noch ein wenig zusammen gesessen. Julian hat sich dann doch noch einmal in den strömenden Regen hinaus gewagt und hat aus dem Materialzelt Brot und Wurst geholt, damit wir alle noch ein bisschen was in den Magen kriegen konnten.

Alles in Allem eine seltsame Erfahrung. Zum Glück war niemand panisch, aber es haben sich doch alle sehr beeilt und waren dann sichtlich froh im Schloss zu sein. Ich denke, uns allen sitzen die Ereignisse in Pöchlarn noch in den Knochen, selbst wenn wir nicht dabei waren. Die Naturgewalten sind einfach nicht zu unterschätzen.
Das haben sich wohl auch Civium Anasi gedacht und haben früh genug reagiert. Daher auch hier ein DANKE in ihre Richtung!


Gerichtsverhandlung

Sebastian von Civium Anasi als wütender Wirt.
Sebastian von Civium Anasi als wütender Wirt.

Und natürlich stand Samstag und auch Sonntag unsere Gerichtsverhandlung auf dem Programm. René hatte sich Wochen und Monate vorher mit dem Thema "Ennser Stadtrecht" beschäftigt. Auf eine Anfrage hin hat man ihm eine deutsche Übersetzung der lateinische Stadtrechtsurkunde gegeben und er hat sich daran gemacht, mögliche Fälle zu entwerfen und auszuarbeiten.

So konnte unsere gesamte Gerichtsverhandlung diesmal genau auf die Veranstaltung zugeschnitten werden. Dieses Mal haben wir auch zu jedem Fall aus dem Stadtrecht entsprechende Flyer entworfen, die die jeweiligen Quelle und ein paar kurze Erklärungen zu den Fällen enthalten haben.

Wie immer haben wir unsere Verhandlungen nicht alleine bestritten. Viele Freiwillige von anderen Lagergruppen haben sich in die Rollen von Klägern und Beklagten gewagt und uns damit kräftig unterstützt.

We proudly present:

  • Stefan und Peter von den Burgaere Lintze als Jäger und Pilzsammler für den Fall mit der Pfeilwunde.
  • Andrea von den Furor Celticus als die Mutter Frau Elisabeth, Lukas von Dominus Turris als Graf Potto von Mailberg, den Vertreter des Bräutigams, und Marco von Ursus Magnus als der Vormund Herr Gottfried für den Fall mit der unwilligen Braut.
  • Mitglieder von Björnvolk und Rabenvolk als Verfolger und Mitglieder von Milites Templi Spilberg als Verfolgte für den Fall mit dem Stadtfrieden.
  • Alex und Sebastian von den Civium Anasi als Zechpreller und Wirt für den Fall mit der geprellten Zeche.
  • Franz Wieser für den Fall mit der falschen Brücke über die Enns.

Vielen, vielen Dank, dass ihr mitgeholfen habt, unsere Gerichtsverhandlung wieder zu einem gemeinschaftlichen Event zu machen!  Wir hoffen, dass es euch genauso viel Spaß gemacht hat wie uns und (hoffentlich) den Zuschauern.


Händler

Wir freuen uns natürlich immer, wenn auch wir etwas finden, mit dem wir etwas anfangen können. Dieses Mal gab es sogar eine Töpferin, die lagertaugliches Geschirr anbot, etwas, das man nur selten auf einem Mittelaltermarkt findet.

Uns sind drei Händler bzw. Handwerker aufgefallen: Neben der Töpferin Renate Schmid der Schmied Christoph Küllinger und der Bronzegießer Josef Kral. Alle drei arbeiten auch auf Bestellung (von Christoph haben wir zum Beispiel unsere wunderschönen Feuerschalen zur Beleuchtung des Lagers), und Renate und Josef fertigen auch Repliken an, wenn man ihnen die passenden Vorlagen liefert. Und das zu vernünftigen Preisen.


Sonntag

Der Sonntag brachte, nach den Regenfällen in der Nacht davor, wieder heißes, trockenes Wetter. Und er brachte uns Antje zurück, die den Markt natürlich trotz Gewitter mit uns beenden wollte.

Der Gottesdienst am Morgen war gleichzeitig ein Festgottesdienst zum Stadtjubiläum und ein Gedenk-gottesdienst für die Opfer von Pöchlarn. Sehr stimmungsvoll, wenn auch – naturgemäß – nicht ohne Bitterkeit.

Unser Lager auf dem Gute Stimmung im Lager.
Gute Stimmung im Lager.

Der restliche Tag war voller Lagerbesucher, Gespräche, der zweiten Gerichtsverhandlung und Hitze. Schließlich war es dann soweit: Marktende. Noch einmal wurden die Gruppen zusammen gerufen und man hat sich bei uns bedankt. Es gab die oben erwähnten Ennser Geschenke und viel Anerkennung und  freundliche Worte. Bei so einem Abschied fällt es schwer zu gehen und man kommt gerne wieder.


Abbau-Blues

Abbauen ist immer irgendwie … zäh. Die Leute sind müde, man ist ein bisschen traurig, dass es vorbei ist und möchte doch bald nach Hause und unter die Dusche.

In dieser Stimmung die Motivation hoch zu halten und noch einmal mit aller Kraft zu arbeiten ist eine wahre Leistung. Und Abbauen ist ARBEIT. Konzentriert und geordnet die Zelte zu stürzen, die Ausrüstung zu verpacken und alles zu sortieren. Das verlangt Disziplin ebenso wie körperlichen Einsatz.

Und wir haben für das wirklich große Lager zum Abbau UND Einlagern nur dreieinhalb Stunden gebraucht (inklusive Fahrzeit!) Das ist eine absolute Spitzenzeit und wir waren alle noch vor Acht auf dem Heimweg.

Was soll ich also noch sagen?
Es war ein wunderschönes Fest, die Stimmung im Lager war toll, die Zusammenarbeit hat perfekt funktioniert, alle hatten Spaß und haben das Fest genossen.
Wir können stolz auf uns sein und werden schöne Erinnerungen mitnehmen.
Was will man mehr?
Abgesehen von noch mehr Mittelalter, natürlich …


Christa Schwab, 7.8.2012

 

Borte (Seitenabschluß)