Rattenberger Gerichtstage

6.10. - 7.10.2012

'Rattenberger Gerichtstage' – wie konnten wir da widerstehen? Bei dem Titel war es für René klar, dass er da hin möchte. Nach Tobias' Einladung haben René und ich also herumgefragt, wer denn gerne mitkommen würde. Schließlich sind es gute drei Stunden Fahrt für eine Richtung. Außerdem ist es ein Markt Anfang Oktober in Tirol. Etwas, das ein gewisses Maß an Gewandung und/oder Leidensfähigkeit verlangt. Das will also schon wohl überlegt sein.

Andererseits war von Anfang an klar, dass wir diesmal nicht für die Besetzung zuständig sein würden und dass wir ohne Lager fahren können, weil wir eine Unterkunft bekommen. Beides hat unseren Aufwand natürlich gewaltig reduziert.

Einige Leute von uns sollten aber trotzdem bei der Verhandlung mitmachen – also erst einmal klären, wer mitkommt und sehen, ob wir genug Leute (inklusive Reserve – ganz wichtig!) zusammen bekommen. Nachdem dann auch das abgehakt war, haben wir also zugesagt. Denn, wie schon geschrieben: 'Rattenberger Gerichtstage' – wie konnten wir da widerstehen?


Vorbereitungen

"Der Markt ist Anfang Oktober. In Tirol. Bitte, bitte achtet auf warme Kleidung!" hab ich schon ein halbes Jahr vorher gepredigt, jedes Mal, wenn die Sprache auf Rattenberg gekommen ist. (Derjenige, der mich auf eigene Gefahr ignoriert hat, weiß, wer gemeint ist.)

René hat bereits im Vorfeld einiges an Arbeit in die Verhandlungen gesteckt. Ja, Verhandlungen. Mehrzahl, denn es gab dieses Mal für jeden Tag zwei verschiedene. Einmal war da unsere, gewohnte Verhandlung mit vier Fällen und dann eine zweite, extra für diesen Markt entworfene mit einem einzelnen Streitfall zwischen zwei Grafen.

Und für uns das erste Mal: es sollte mit fertigen Drehbüchern gearbeitet werden, was wir sonst ja nicht machen. Normalerweise gibt es für jeden Fall eine Handlungsvorgabe und die Texte werden aus dem Stehgreif gespielt. Diesmal war das aber nicht möglich, da Profi- und Laienschauspieler einen großen Teil der Rollen übernommen haben und die die Möglichkeit bekommen mussten, ihre Rollen komplett einzustudieren. Daher schrieb René in den Wochen vor Rattenberg die kompletten Textbücher für unsere Fälle und war auch an den Texten zum Fall um die beiden Grafen beteiligt.

Rattenberg hat mit den Schlossbergspielen eine sehr lange Tradition der Laienschauspielerei und der Richter wurde von Profi Florian Adamski gespielt. René hatte dieses Mal nur den Gerichts-Beisitz und durfte ansonsten für den Fall mit der zu hohen Türschwelle auf die andere Seite des Richtertisches wechseln und den Hausbesitzer spielen.


Die Gerichtsverhandlungen

Die Aufführungen sind gut gelaufen, wobei wir rein sprechtechnisch natürlich von den Profis weit überflügelt wurden. Es wird wirklich Zeit einen Schauspielkurs für Via Nostra  anzusetzen. Die jeweiligen Stücke sind beim Publikum aber trotzdem gut angekommen und es hat – wie immer – einfach auch Spaß gemacht.

Für uns war es sehr spannend und lehrreich, einmal mit Profis zusammenarbeiten zu können. Und zu sehen, wie ein anderer (in Rattenberg war Florian der Regisseur) unsere Texte interpretiert und umsetzt.

An dieser Stelle ein spezielles DANKE an Sebastian von Civium Anasi, der für uns den Baumeister einstudiert und gespielt hat. Er und Vanessa haben uns als Gäste und wertvolle Unterstützung begleitet.


Teilnehmer

Von unserer Seite waren übrigens dabei: Julian, Patrick, Stefan, Claudia, René und ich. Für Claudia wars das erste Mal und auch wenn es ein Markt ohne Lager war, hat es ihr recht gut gefallen. Möge es so bleiben :) Leider konnte uns Valentin nach einigem Hin und Her dann doch nicht begleiten, was sehr schade war. Abgesehen von seiner Anwesenheit als Vereinsverstärkung und Freund, mussten wir so auch auf unseren engagiertesten Fotografen und damit auf seine tollen Fotos für unsere Homepage verzichten. Daher leider auch keine Bildergalerie zum Fest.

Wenigstens nicht bei uns – Denn an der grundsätzlichen Fotografen-Dichte hat es sicher nicht gemangelt. Wir sind noch nie so viel fotografiert worden wie in Rattenberg. Nun ist man als MA-Gruppe ja daran gewöhnt, dass man Aufmerksamkeit erregt und gute Motive bietet. Aber in Rattenberg war das noch einmal sehr viel intensiver als sonst. Ständiges Blitzlichtgewitter und sehr begeisterungsfähiges Publikum. Ganze Reisegruppen wollten Fotos mit uns und wir konnten keine zehn Schritte machen ohne um ein Foto gebeten zu werden. Jetzt weiß ich, wie man sich fühlt, wenn man von Paparazzi umgeben ist …


Ungewohnte Unterbringung

Wie schon erwähnt, haben wir in Rattenberg kein Lager aufgebaut – der Platz dafür war auch sehr begrenzt. Aber jeder Reenactor wird bestätigen, dass es sehr angenehm ist, wenn man auf dem Markt ein Fleckchen zum Hinsetzen hat. Daher haben wir bei Ausfall um Lager-Asyl angesucht, was auch aufs Freundlichste gewährt wurde. Wir sind also lediglich mit einer Sitzgarnitur angereist, die einen Platz unter dem Sonnen- (und am Sonntag Regen-) Segel der Ausfaller gefunden hat. Dankeschön dafür nach Tirol! Es war unheimlich gemütlich und nett bei euch! Viele neue Freunde, interessante Gespräche und hoffentlich auch zukünftige Kontakte.

Apropos Plätzchen und Lager: Natürlich war da dann die Frage der Unterkunft. Wir kriegen ein Dach über den Kopf – das war von Anfang an klar. Bloß was und wo und wie… das war ein Geheimnis, fast bis zum Schluss. Zuletzt wurde es dann eine Wohnung mitten in der Stadt in einem uralten Stadthaus. Wohnung in einem uralten Stadthaus … das klingt nach nicht viel Platz und Kuschelkurs für die Vereinsmitglieder. Aber weit gefehlt. Die Wohnung war riiiiiiiiesig und verwinkelt und riiiiiiiesig und mancherorts reparaturbedürfnis aber riiiiiiiiesig. Und für alle, dies noch nicht verstanden haben: Es war reichlichst Platz für alle. Und das, obwohl außer uns noch die Musiker und ein Teil der Leute von Ausfall da untergebracht waren. UND es gab eine Heizung. Und zwei Toiletten und zwei Badezimmer! Mit Duschen! Und warmem Wasser! LUXUS! Und nachdem Vanessa in heldenhaftem Einsatz am Samstag früh dann noch ein Paket Klopapier aufgespürt und erlegt hat, waren wir sanitärtechnisch im Reenactor-Himmel.

Hier noch einmal einen riesen Dank an Stefano von Ausfall, der diese Wohnung besorgt hat.

Der andere, nette Nebeneffekt war dann noch, dass die Wohnung wirklich mitten in der Stadt, vielleicht zehn Gehminuten von der Burg entfernt, liegt. Also kurze (wenn auch zur Burg steile) Wege überall hin. Auch zum Frühstück. Das Café gegenüber, das praktischerweise Frühstück anbietet, hat am Samstag und Sonntag wahrscheinlich nur mit uns einen Monatsumsatz gemacht. (Wo hat Patrick nur sein ganzes, gewaltiges Frühstück hingegessen? Es wird ein Mysterium bleiben.)

Auch die ebenfalls vereinbarte Verpflegung war ordentlich. Keine Überraschungen aber solide, gut gekocht und alle hatten was Warmes im Magen. Was will MA-Gruppe mehr?


Auf Sonne folgt Regenschein (oder so ähnlich...)

Das Wetter war sehr gegensätzlich an diesem Wochenende. Der Samstag strahlend schön und warm, der Sonntag sehr nass und kalt. Trotzdem hatten beide Tage ihren Reiz. Wieder einmal hat sich aber gezeigt, dass warme Mäntel ein wahrer Segen sind und dass nasse Füße einem sehr schnell den Spaß verderben können. Das Wetter gehört zum Hobby eben dazu. Wobei es diesmal wegen der Unterkunftssituation ja auch nicht ganz so extrem war.

An dieser Stelle müssen wir uns noch einmal bei Sebastian bedanken, der uns frierende Damen am Sonntag Nachmittag mit heißen Tonbechern versorgte, damit wir unsere Hände daran wärmen konnten.


Gottesdienst

Ein ungewohntes Angebot gab es von Pfarrer Dieter Reutershahn. Passend zum mittelalterlichen Anlass hielt er die Messe am Samstag Abend zum Teil auf Latein. Und das Angebot wurde angenommen. Die ersten Bankreihe der (großen) Rattenberger Kircher war gefüllt mit Besuchern in mittelalterlicher Gewandung. Auch von unserer Gruppe haben mehrere Mitglieder am Gottesdienst teilgenommen.


Händler und Programm

Der Markt selbst war vor Allem wegen der engagierten Gastronomie bemerkenswert. Die Rattenberger Gasthöfe und Cafés haben sich wirklich etwas einfallen lassen. Die Angestellten waren zum Teil ambientetauglich gekleidet und viele Restaurants hatten draußen Stände aufgebaut, an denen auch passend gekocht wurde. Spanferkel, Bauernkrapfen, Villacher Krapfen und ähnliches wurde da vor den Besuchern zubereitet. Der restliche Markt hatte abgesehen von den üblichen Ständen für die Besucher auch einige Handwerker wie Töpferin und Schmied zu bieten. Für die Besucher sicher ein schönes Angebot, für uns, die wir mittlerweile schon viele Märkte gesehen haben, eher Gewohntes.

Zum Programm können wir leider nicht viel sagen. Wie auf den meisten anderen Märkten, auf denen wir selbst Aufführungen haben, haben wir nicht viel davon mitbekommen. Was uns auffiel: Tobias hat es geschafft, ungewöhnliche und viele unterschiedliche Programmpunkte zusammen zu stellen. Neben mehreren Musikgruppen ein 'Rhönrad' aus Holz, Seiltänzer, Stelzenläufer, Puppenspieler - alles Dinge, die dem Markt ein sehr mittelalterliches Flair gegeben haben und die wir zum Teil auf keinem anderen Markt bisher gesehen haben. Über die Qualität der Künstler können wir nichts sagen - wir sind nicht dazu gekommen, uns irgend etwas länger als ein paar Minuten anzuschauen. Höhepunkt am Samstag Abend war ein Trollferd-Konzert oben auf der Burg. Ein weiterer ungewöhnlicher Programmpunkt war eine hochmittelalterliche Modenschau, bei der den Besuchern Kleidung aus dem elften bis dreizehnten Jahrhundert gezeigt wurde und die Änderungen, die die Mode in dieser Zeit durch machte.

Und was man auch nicht vergessen darf: Der Markt war kostenlos! Es gab keine Eintrittspreise.

Eines soll hier unbedingt noch gesagt sein: Rattenberg selbst ist auf jeden Fall IMMER einen Ausflug wert! Die Stadt ist uralt und wunderschön. Eigentlich wundert es mich, dass es hier nicht schon früher ein Mittelalterfest gegeben hat. Dieser Ort bietet sich regelrecht dafür an. So viel Ambiente auf so wenig Raum habe ich noch selten gefunden. Und dieses Ambiente ist es, was den Markt in Rattenberg zu etwas Besonderem macht.

Also bitte mehr Mittelalter für Rattenberg!


Fazit

Als Fazit kann ich sagen, dass es wirklich schön war. Ganz was anderes und wirklich schön. Sollten die Gerichtstage im nächsten Jahr wieder stattfinden, werden wir – wenn irgend möglich – gerne wieder dabei sein.


Christa Schwab, 11.10.2012

 

Borte (Seitenabschluß)