Mittelalterliche Namen in Linz

Die Entstehung von Familiennamen im Mittelalter

Auf unserer Suche nach Informationen über Linz im Mittelalter bin ich auf einen ausgesprochen interessanten Artikel gestoßen. 'Die ältesten Linzer Familiennamen' von Helmut Feigl beschäftigt sich mit der Entstehung von Beinamen, die später zu Familiennamen wurden. Obwohl sich Helmut Feigl ganz konkret auf nachweisbare Linzer Namen stützt, sind die Begleitumstände ihrer Entstehung ganz sicher allgemein gültig.


Beinamen hatten rechtliche Gründe

Grundsätzlich lässt sich zusammenfassen, dass urkundlich belegte Beinamen entstanden sind, als sie benötigt wurden um Personen genau bezeichnen zu können.

Sobald die Bevölkerungsanzahl einer Ortschaft weit genug angestiegen war, dass es mehrere Personen des selben Vornamens gab, musste eben weiter unterschieden werden. Dazu kommt, dass es auch damals schon Modenamen gab. Im mittelalterlichen Linz waren dies zum Beispiel Ulrich, Heinrich oder Konrad.

Vor allem bei jeder Art von rechtlich gültigen Dokumenten mussten die Personen – wie heute auch – einwandfrei zu identifizieren sein. Das betraf natürlich Ankläger und Angeklagte bei einem Rechtsstreit, aber auch Zeugen aller Art, sowie alle Beteiligten bei Erbschaftsangelegenheiten, Schenkungen, Bürgschaften, etc. Die Linzer Bürger waren im Hochmittelalter sozial wichtig genug um auch als Zeugen oder Bürgen bei Rechtsgeschäften von Adeligen oder der hohen Geistlichkeit herangezogen zu werden.
Vorrangig sind die Namen von Männern überliefert, von Zeit zu Zeit tauchen aber durchaus auch Frauen in diesen wichtigen Funktionen auf.

Aber nun zum eigentlichen Kern der Sache:


Häufig vorkommende Beinamen

Die verwendeten Beinamen lassen sich in vier Gruppen unterteilen:

  1. Zusätzlich zum Rufnamen wird der Rufname eines Verwandten angegeben
  2. Der Beruf oder ein Amt des Betreffenden wird beigefügt
  3. Eine Ortsangabe wird dem Namen beigegeben
  4. Ein Spitzname betreffend Charakter, Aussehen oder Fähigkeiten wird angefügt


1. Rufname eines Verwandten

Üblich war hier der Name des Vaters (z. B.: Hermannus filius Popponis), recht häufig aber auch der des Schwiegervaters. Bei Frauen überwiegt zur Identifizierung der Name des Ehemannes als Beiname, was ja bis ins 20 Jhd hinauf durchaus üblich war.

Interessanterweise gibt es aber auch nachweisbare Männernamen, die sich über die Mutter (Hainrich vrowen Tuoten sun) oder die Ehefrau definierten. Ein Männername ist sogar über die Schwiegermutter genauer bezeichnet (Siboto gener Fabrisse). Man kann davon ausgehen, dass die genannten Damen eine entsprechend hohe soziale Stellung besaßen.

Als die Bevölkerungszahlen von Linz weiter steigen, wird diese Art der genauen Bezeichnung aber schnell unpraktikabel und stirbt mit Anfang des 14. Jhds aus.


2. Berufsnamen

Berufsbezeichnungen als Familiennamen haben sich ja bis in heutige Zeit erhalten. Müller, Schmied, Schuster oder Schneider findet man in jedem Telefonbuch. So lange der Name vom Sohn übernommen wird, der diesen Beruf noch ausübt, spricht man von einem Beinamen, sobald diese Tätigkeit aber nicht mehr ausgeführt, der Name aber trotzdem weiter gegeben wird, spricht man von einem Familiennamen.

Solche Berufsnamen lassen sich weiter unterteilen in:
Amtstätigkeit, Handwerk, Tätigkeiten, die nicht der Hauptberuf waren und schließlich Standesbezeichnungen.

So ist ein Richter namens Hermannus judex überliefert und ein Schneider mit den Namen Otte der snaytaer.
Ein Engelperthus dictus scolaris war für das Salzburger Domkapitel dafür zuständig, in Linz die Einlagerung und Weiterverfrachtung von Weinfässern zu überwachen. Für diese Aufgabe musste man Lesen, Schreiben und Rechnen können, weshalb besagter Herr Engelbert wohl eine Schule besucht hat. Deshalb sein Beiname, der mit seiner eigentlichen Tätigkeit nichts zu tun hat.

Standesbezeichnungen muss man, denke ich, nicht weiter erklären.


3. Herkunftsnamen

Am üblichsten waren für Linzer Bürger natürlich der Beiname de Linz, von Linz, Linzarius oder Linzer, allerdings war das nur sinnvoll, wenn man sie von Bürgern anderer Orte unterscheiden musste. Bei der Verpfändung des Schlosses Traun im Jahre 1272 sind zum Beispiel Heinricus und Ulricus de Lintte als Zeugen angeführt.

Interessanter ist die genauere Bezeichnung nach der Lage des Hauses innerhalb der Stadt. Cunradus uf dem Graben, zum Beispiel oder Eberhardus ante Portam, der später noch einmal als Eberhart bei dem Tor ze Lintz auftaucht.

Das Bevölkerungswachstum in Linz im 13. Jhd liegt auch an den vielen Zuwanderern. Und natürlich leiteten sich auch daher viele Beinamen ab. Etwa Walchunus de Patavia (Passau) oder Chunradus de Everdinge, die beide bereits hoch angesehene Bürger waren bevor sie nach Linz kamen.

Anders Konrad Wachreiner, der aus dem Dorf Wachrain stammte und dort ein landwirtschaftliches Gut besaß. Zu dieser Gruppe von Bürgern zählen auch jene, die Namen wie Prantner, Leitner, Prunner oder Weinberg trugen. Diese Nachnamen bezeichnen Orte, die in einer bestimmten Landschaft einen Fixpunkt (eine Brandrodung, einen steilen Abhang, eine Quelle, etc.) darstellen, aber keinem konkreten Ort zugeordnet werden können. Auch diese Familiennamen trifft man heute noch sehr oft an.


4. Spitz- oder Übernamen

In vielen Fällen hängen Spitznamen mit dem Aussehen oder dem Charakter zusammen. Trotzdem sind es amtlich anerkannte Namen, die auch entsprechend verwendet wurden.

Im Linz des 13. Jhds laufen einem also zum Beispiel Hainreich der Chroppf oder Dietricus Mutus über den Weg. ('Mutus' bedeutet eigentlich stumm, ist in diesem Zusammenhang aber wohl eher als wortkarg zu verstehen, weil man einen Stummen wohl kaum als Zeuge eines wichtigen Rechtsdokuments zugelassen hätte.)

Bernhardus Ruchlose war wohl ein recht unbekümmerter Mensch (ruchlos im heutigen Sinne war er zum Glück nicht).

Von Zeit zu Zeit triff man auch auf Tiernamen. Die Bezeichneten dürften diesem Tier wohl ähnlich gesehen haben oder eine Charaktereigenschaft geteilt haben. Hainricus civis in Lintz cognomine Lupus wäre ich vielleicht nicht so besonders gern begegnet. Besonders wenn man bedenkt, was für eine schlechten Ruf der Wolf zu dieser Zeit hatte.

Wie in anderen mittelalterlichen Städten findet man auch in Linz so genannte Geld- oder Münznamen, wie zum Beispiel Leupold Schillinch oder Ulreich Pfennich. Das dürfte dann mit dem entsprechend beeindruckenden Vermögen der Herren zu tun gehabt haben.


Bekannt ist nur der (Geld-)Adel

Bei all den aufgezählten Familiennamen ist aber, wie bei jeder Beschäftigung mit mittelalterlichen Quellen, der Stand zu bedenken. Was man über die Namen weiß, weiß man aus Urkunden oder anderen Dokumenten. Solche schriftlichen Hinterlassenschaften waren aber ausschließlich den hohen Ständen vorbehalten. Daher bleiben die niederen Stände - wie so oft - im Dunklen.


Quellen:

Feigl, Helmut: 'Die ältesten Linzer Familiennamen' in: Historisches Jahrbuch 1965, Archiv der Stadt Linz (Hrsg.)

Zu Helmut Feigl siehe auch: Bibliographie Dr. phil., Univ.-Prof., Hofrat, BR a.D., Archivar, Historiker Helmuth Feigl im 'Forum Oberösterreich Geschichte'


Christa Schwab, 10.1.2008

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