Gugeln im 12. Jahrhundert?

Bei mir dauert alles immer etwas länger. So muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich erst ein Jahr nach meiner offiziellen Aufnahme bei Via Nostra die eigene Homepage ein wenig genauer nach interessanten Artikeln zu durchforsten begann.


Die Recherche

Eigentlich war es so: ich recherchierte Daten, Fakten und Belege, die mir Auskunft über "Gugeltrends" im späten 12. Jahrhundert zu geben vermochten. Natürlich stieß ich ironischerweise über Google auf den Artikel "Gut behütet - oder auch nicht?" von Christa, der schon seit einiger Zeit sein Dasein auf der Homepage von Via Nostra fristet.

Im Endeffekt muss ich gestehen, dass jener schöne Text verantwortlich dafür ist, dass ich schließlich ohne lange zu zögern Nähmaschine, Schneiderkreide und dilettantisches Können zur Hand nahm, um mir eine eigene Gugel zu fertigen.

Bald sollte sich jedoch herausstellen, dass es alles andere als einfach ist, brauchbare Belege oder Abbildungen von Gugeln in der von uns dargestellten Zeit zu finden, denn die Quellenlage ist offensichtlich sehr dünn. Im Laufe meiner Recherche bin ich – wie auch Christa – zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei der Gugel (neben anderen Kopfbedeckungen) in unserer Zeit wohl vordergründig um ein Gebrauchs-Kleidungsstück gehandelt haben muss.

Ich wage diese Vermutung aufzustellen, da ich Abbildungen von Gugeln sowie Bundhauben oder Hüten fast ausschließlich im Rahmen von (weltlichen) Szenerien gefunden habe, in denen etwa eine Person ihrer Feldarbeit oder einer anderen „Outdoor“-Aktivität nachgeht. Im Kontext geistlicher Abbildungen (etwa Fresken in Kirchen, Darstellungen von Heiligen etc.) lässt sich so gut wie keine Gugel finden, wobei hierzu erwähnt werden muss, dass bei dem Schaffen solcher Szenerien wohl einem antiken Ideal gefolgt wurde. Hier sind Lockenpracht und bodenlange Gewänder vorherrschend (analog zu Christas Erkenntnissen).

Die Funktion der Gugel unterschied sich gegen Ende des 12. Jahrhunderts also grundlegend vom Zweck jener Kopfbedeckung zu späterer Zeit, wo sie primär als Modeaccessoire von Männern getragen wurde und sich erwartungsgemäß optisch von früheren Formen abhob.

Letztlich konnte ich zwei (!) Abbildungen (datiert auf 1180) aufstöbern, auf denen die dargestellten Personen offensichtlich gugelähnliche Kopfbedeckungen tragen:

Fécamp Psalter, folio 10v
ca. 1180
Illumination on parchment, 155 x 115 mm
Royal Library, The Hague
Manuscript 76 F 13
Fécamp Psalter, folio 11v
ca. 1180
Illumination on parchment, 155 x 115 mm
Royal Library, The Hague
Manuscript 76 F 13

Gugelähnlich, da der Zipfel am Hinterkopf nur etwa halb so lang dargestellt ist, wie es zu späterer Zeit modisch bzw. üblich war. So lässt sich durchaus die Behauptung aufstellen, dass es sich – auch aufgrund des großen Stoffumfangs im Brustbereich (auch die Kragengröße variiert im Laufe der Zeit stark) – um eine "wetteroptimierte" Kapuze für z.B. die Feldarbeit handelt. Eine Gugel könnte also im 12. Jahrhundert vordergründig als Schutz gegen Wind und Wetter gedient haben und primär der Funktion wegen getragen worden sein, weit entfernt von jeglichem modischen Charakter. Nicht zuletzt, da es sich bei den beiden Abbildungen um einen Bauern, der ein Feld pflügt, und um einen Schweinehirten handelt, der für seine Tiere mit einem Stock bewaffnet Eicheln vom Baum schüttelt.


Praktische Umsetzung

Gut, die Abbildungen verraten mir also, welchen Zweck eine Gugel um 1180 gehabt haben könnte, jedoch sieht es bei Funden zum genaueren Festhalten der vorherrschenden Gugelformen sehr mager aus.

Nach kurzer Recherche fand ich eine Liste von Gugelfunden (1), angefangen beim Fund von Haithabu (9. oder 10. Jahrhundert) bis zu den Fragmentfunden von Lübeck (Anfang 16. Jahrhundert). Das Tolle daran – wie hätte es anders sein können – kein einziger Fund kann in die Zeit zum Ende des 12. Jahrhunderts eingeordnet werden. Jedoch wird der Fund von Haithabu als sog. Zipfelgugel klassifiziert, was sich mit meinen beiden Abbildungen aus dem Jahre 1180 decken würde. Außerdem wird in der Liste die Anmerkung gemacht, die "Haithabu-Form" sei auch in den folgenden Jahrhunderten verwendet worden, was sich durch meine zwei Abbildungen belegen lässt.

Die Zipfelgugel besitzt im Grunde die klassische Form dieser Art von Kopfbedeckung, jedoch ist der Schwanz am Hinterkopf kegelförmig (spätere Formen besaßen vorwiegend Band-, Breit-oder Schalschwanz, wobei der Bandschwanz eine Länge von bis zu einem Meter erreichen konnte) und nur bis etwa 35cm lang.


Ergebnis

Was sagen einem nähwütigen Reenactor nun all diese "Indizien"?

Ja, die Gugel gab`s auch gegen Ende des 12. Jahrhunderts, obgleich sie andere Zwecke besaß als ein-zweihundert Jahre später.

Ja, die Gugel wurde zu jener Zeit auch vom einfachen Volk getragen und entwickelte sich erst später zu einem wichtigen Bestandteil der (Männer-)Mode.

Ja, ich darf mir meine Gugel nähen, muss aber leider darauf achten, den Schwanz mindestens um ein Drittel gegenüber der üblichen Form zu kürzen. Das ist aber kein Problem, denn bekanntlich liegt ja auch in der Kürze die Würze.


Valentin Panzirsch, 10.8.2012


Quellen:

(1) Liste von Gugelfunden auf www.bayreuth1320.de, abgerufen am 10.8.2012: http://www.bayreuth1320.de/Resources/Gugeltypologie.pdf

 

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