Spinnen

Das Spinnen ist ein uraltes und eigentlich sehr einfaches Handwerk.

Grundsätzlich geht es darum Einzelfasern zu einem langen Faden zu verbinden. Verspinnen kann man alles, was Fasern hervorbringt. Flachs, Seide, verschiedene Nestelarten, jede Art von Tierhaar usw. Dabei werden die Fasern miteinander so eng verdrillt, dass sie sich nicht mehr von selbst lösen. Je länger und weicher die Faser dabei ist, desto leichter lässt sie sich verspinnen.


Spinngeräte

Jeder kennt wohl ein Spinnrad...
...das erst weit nach unserer Darstellungszeit erfunden wurde und daher für mich keine Rolle spielt.

Statt dessen möchte ich über die gängigen Handspindeln berichten.

Eine Spindel, wie sie heute gerne zum Spinnen verwendet wird, besteht sehr oft aus einem Spinnstab und einem runden Spinnwirtel. Der Stab dient zum Aufwickeln der Wolle und zur Stabilisierung. Der Wirtel dient (ähnlich wie ein Kreisel) als Schwungkörper, um die Spindel möglichst lang und gleichmäßig zu drehen.

Wenn die Spindel lose am Faden hängt und im Laufe der Arbeitsgänge immer weiter nach unten "fällt", bezeichnet man sie auch als Fallspindel. Bei den Fallspindeln unterscheidet man Kopf- und Fußspindeln. Bei einer Kopfspindel (oder Hochwirtelspindel) befindet sich der Wirtel am oberen Ende des Spinnstabes, bei einer Fußspindel (oder Tiefwirtelspindel) am unteren Ende.

In anderen Kulturen (zum Beispiel im Himalaya oder in Russland) ist es auch üblich, die Spindel wie einen Kreisel in einer kleinen Schüssel laufen zu lassen. Diese Spindeln nennt man "Unterstützte Spindeln". Man kann sie auch dazu benutzen, besonders feine oder kurze Fasern zu verspinnen wie zum Beispiel Baumwolle, weil bei dieser Methode kein Zug auf den Faden kommt.

Der Wirtel sollte möglichst gleichmäßig sein, damit die Spindel ruhig und sauber dreht. Je schwerer der Wirtel nach außen hin wird, desto länger dreht die Spindel. Es gibt daher auch Spindeln, bei denen die Wirtel innen dünner sind als außen oder deren Außenkanten mit Metall beschlagen sind.

Solche Formen sind für unsere Breiten aber nicht historisch nachweisbar. Zu historischen Wirteln, deren Aussehen, Größe und Gewicht bitte im Kapitel 'Historisches Spinnen' nachlesen.

Katrin Kania hat  in ihrem 'Spinning experiment' bewiesen, dass das Gewicht der Spindel – entgegen der landläufigen Meinung - nur bedingt etwas mit der Dicke des Fadens zu tun hat. Geübte Spinnerinnen können mit ein und derselben Spindel gleichmäßig dicke oder dünne Fäden spinnen, abhängig vom gewünschten Verwendungszweck. (Genaueres dazu + Literaturverweis ebenfalls im Kapitel 'Historisches Spinnen')


Das Spinnen mit der Fußspindel

Grob betrachtet ist die Funktionsweise immer dieselbe – Fasern werden verdrillt, bis sie einen Faden bilden.

Je nach Faserart kann sich die Methode aber unterscheiden. So benötigt man zum Verspinnen von Flachs und Hanf unbedingt etwas Feuchtigkeit, damit der Faden stabil bleibt und sich die vergleichsweise harten Fasern nicht wieder aufdrehen. Man muss sich also immer wieder die Finger befeuchten. Bei Wolle oder Seide ist dieser Schritt nicht notwendig.

Aber bleiben wir bei der Wolle.

Man hat also eine Spindel und eine Handvoll unversponnene Wolle. An der Spindel muss sich zunächst einmal ein Anspinnfaden befinden – der kann für den Anfang auch aus einem Stück gekaufter, ganz normaler Wolle bestehen.

Der Anspinnfaden muss ein Stück aufgedreht werden, so dass man so viele Einzelfäden und -fasern wie möglich hat, mit denen sich die unversponnenen Fasern verdrillen können. Nun zupft man vorsichtig einige Fasern ein kleines Stück aus der Wolle und legt sie auf die Fasern des Anspinnfadens. Und dann beginnt man auch schon, indem man die Spindel oben fasst und sie wie einen Kreisel antreibt.

Und so geht es dann immer weiter. Mit der einen Hand hält man ein Stück der unversponnen Wolle fest, während die andere abwechselnd die Spindel antreibt und Fasern aus der Wolle zupft.

Durch die Drehung der Spindel, an der der Faden befestigt ist, verdrehen sich die Fasern ineinander. Am Anfang sollte man darauf achten, den Faden nicht zu 'überdrehen', denn sonst verdrehen sich die Fasern so stark, dass der Faden zu einem Knoten zusammenläuft. Stattdessen sollte man sich einfach die Zeit lassen, Spindel und Faden zu beobachten. Man wird schnell feststellen, dass die Spindel weit länger dreht als man dachte und dass sich auch die Fasern recht schnell miteinander verbinden.

Das Hauptgeheimnis beim Spinnen heißt Fingerspitzengefühl. Mit etwas Übung kommt man schnell dahinter, wie viel und wie schnell man herauszupfen muss, damit ein gleichmäßiger Faden von der gewünschten Dicke entsteht.

Wenn die Spindel am Boden angekommen ist, muss man den Faden auf die Spindel aufwickeln. Der Faden sollte möglichst nah am Wirtel gewickelt werden, um den Schwerpunkt der Spindel stabil zu halten.


Weiterverarbeitung

So. Die Spindel ist voll. Was nun?

Zunächst einmal wird der fertige Faden auf eine Haspel gewickelt und mit ein wenig Wasser besprüht. Wenn der Faden dann wieder trocken ist, drehen sich die Fasern nicht mehr von selber auseinander.

Damit nun aber ein brauchbarer Wollfaden entsteht, muss man mehrere Fäden verzwirnen. Ein gesponnener Faden alleine ist nämlich noch nicht besonders stabil. Er reißt zu leicht um verarbeitet werden zu können.

Je nach Verwendungszweck müssen also weitere Fäden als Verstärkung mit dem ersten verbunden werden. Dabei werden die Einzelfäden wiederum miteinander verdrillt (verzwirnt), gehaspelt, eingesprüht und getrocknet. Erst dann hat man einen Wollfaden, mit dem man arbeiten kann.


Videos

Es gibt bei You Tube eine Menge guter Videos zum Thema Spinnen (auch mit verschiedenen Spindeln) und zur Weiterverarbeitung der fertigen Fäden.  Einfach nach 'Hand spinnen' oder 'Handspindel' suchen.


Abschließende Beobachtung

Spinnen kann man nur durch Übung lernen. Natürlich kann man die Technik erklären, aber wenn man nie selbst eine Spindel in der Hand gehalten hat, hat man keine Ahnung. Am Anfang darf man sich auch nicht entmutigen lassen, wenn die Fäden, die man produziert, eher an schwangere Regenwürmer als an Wollfäden erinnern.

Irgendwann ist das Spinnen dann ausgesprochen entspannend und verlangt nicht mehr viel Konzentration. Die ideale Arbeit an einem geschäftigen Markttag oder beim Gespräch mit anderen. Man kann eine Spindel auch leicht weglegen, wenn andere Arbeit zu tun ist. Allerdings sollte man dann daran denken, den versponnenen Faden fest aufzuwickeln, damit man später wieder anfangen kann, ohne erst neu anspinnen zu müssen.

Ein weiterer Vorteil ist der geringe Platzbedarf und Transportaufwand. Eine Spindel und Wolle kann man fast überall hin mitnehmen und die Arbeit selbst braucht ebenfalls so gut wie keinen Platz.

Außerdem hat gerade diese archaische Art der Handarbeit eine große Anziehungskraft auf die Besucher einer Veranstaltung. Jeder Mensch, dem man als Kind Märchen vorgelesen hat, hat von Spindeln und dem Spinnen gehört – umso spannender ist es zu sehen, dass und wie das tatsächlich funktioniert. Alleine schon das Gefühl, reine, unversponnene und sogar noch ganz leicht fettige Wolle zu berühren ist für Viele eine völlig neue Erfahrung.

Ich lasse interessierte Besucher auch gerne mit einer Spindel herumprobieren und habe dazu immer einige Ersatzspindeln und genug Wolle im Gepäck. Spätestens dann wird den Leuten bewusst, was für ein Aufwand im Mittelalter für jedes Stück Tuch betrieben werden musste und man versteht dann auch, warum die Spindel und das Spinnen in alten Geschichten eine so große Rolle spielen.


Spinnfasern

Wenn es zu einer Veranstaltung passt, kann man zur Präsentation ganz verschiedene Fasern zusammenstellen. Auch solche, die es im Mittelalter bei uns noch nicht gegeben hat.

Gerade Kinder sind von den Fasern sehr angetan und ich musste schon das eine oder andere Mal Proben davon verschenken, weil die kleinen Damen und Herren das Gefühl der Fasern an Händen und Wangen so toll fanden und sie nicht mehr hergeben wollten.

Hier eine Übersicht verschiedener Pflanzen- und Tierfasern:


Pflanzenfasern

Flachs
Flachs
Flachs
Flachs /Detail)
Flachs fein und gebleicht
Flachs, fein und gebleicht
Flachs fein und gebleicht
Flachs, fein und gebleicht (Detail)
Baumwolle
Baumwolle
Baumwolle
Baumwolle (Detail)
Hanf
Hanf
Hanf
Hanf (Detail)
Ramie
Ramie
Ramie
Ramie (Detail)
 


Fasern aus Tierhaaren

Unbehandelte Schafwolle
ungekämmte, nicht entfettete Schafwolle
Unbehandelte Schafwolle
ungekämmte, nicht entfettete Schafwolle (Detail)
Schafwolle weiß
Schafwolle weiß
Schafwolle weiß
Schafwolle weiß (Detail)
Schafwolle braun
Schafwolle braun
Schafwolle grau
Schafwolle grau
Schafwolle grau
Schafwolle grau (Detail)
Merinoschaf
Merinoschaf
Merinoschaf
Merinoschaf (Detail)
Babykamel und Merinoschaf
Babykamel-Merinoschaf-Mischung
Babykamel und Merinoschaf
Babykamel-Merinoschaf-Mischung (Detail)
Alpaka schwarz
Alpaka schwarz
Alpaka schwarz
Alpaka schwarz (Detail)
Alpaka grau
Alpaka grau
Alpaka grau
Alpaka grau (Detail)


Fasern aus Kokons

Tussahseide
Tussahseide
Wildseide
Wildseide
Wildseide
Wildseide (Detail)
Maulbeerseide
Maulbeerseide
Maulbeerseide
Maulbeerseide (Detail)


Eigenschaften der Fasern beim Spinnen

Lange, weiche Wollfasern wie die von Merinoschaf und Alpaka verspinnen sich natürlich sehr schön und auch sehr mühelos (der Kammzug ist für mich noch etwas einfacher als das Kardenband). Die zu verarbeiten ist etwas, das man sehr leicht nebenher oder zu Demonstrationszwecken machen kann.

Seide ist absolut klasse. Nichts verspinnt sich so wunderschön, wie ich finde. Die Fäden, die man mit Maulbeerseide spinnen kann, sind so fein wie jedes feine Nähgarn. Allerdings braucht es ein wenig Übung und am Anfang auch Vorsicht:  Seide ist unter Umständen unfreundlich zu den Fingern. Die Fäden sind dünn und erstaunlich widerstandsfähig. Man schneidet sich verhältnismäßig leicht beim Herausziehen der Fasern, wenn man sie zu straff hält.

Baumwolle verspinnt sich nicht ganz einfach. Die Faser ist sehr weich und vergleichsweise kurz. Dafür wäre eine unterstützte Spindel am Besten geeignet, ich habe Baumwolle aber auch schon mit der ganz normalen Handspindel versponnen.

Flachs (und fast jede andere Pflanzenfaser) muss (wie oben bereits erwähnt) vor dem Spinnen angefeuchtet werden. Die harten Fasern lassen sich sonst nicht verarbeiten und halten auch ihre Form nicht. Flachs zu verspinnen ist nicht sonderlich angenehm (wegen den zähen Fasern und der ständigen Feuchtigkeit an den Händen) und wird schnell anstrengend für die Finger. Aber ich verspinne Flachs auch nur um fertige Fäden zum Herzeigen zu haben und bin daher auch nicht sonderlich geübt. Möglicherweise wird es einfacher und angenehmer, wenn man es öfter macht.

Sehr einfach ist dagegen das Verspinnen von nicht entfetteter Schafwolle. Obwohl ich diese Wolle nur in ungekämmter Form (also in Flocke) besitze und man die Fasern vor dem Spinnen erst einmal etwas auseinander zupfen muss. Das Lanolin in der Wolle verklebt die Fasern beim Spinnen und der Faden reißt nur sehr schwer. Die Fasern halten dadurch wunderbar zusammen. Natürlich muss man mit dem Schafsgeruch zurechtkommen, den die Wolle trägt. Dafür werden aber auch die Hände durch das Wollfett nach einer Weile angenehm weich. Sie stinken aber sie sind weich ;)


Christa Schwab, 27.11.2014

 

Borte (Seitenabschluß)