Das Netzen oder Filetknüpfen

An einem schönen Abend im Februar 2012, Anlass war der "2. Linzer Bürgerschmaus" der Burgaere Lintze, habe ich mein neues Haarnetz erstmals ausführen können und erntete viele Komplimente und eine Menge Fragen.

Um diese beantworten zu können, schreibe ich hier mal ein paar Zeilen über das Netzen, auch als Filetarbeit oder Filetknüpfen bekannt. Es handelt sich hierbei um eine alte Handarbeitstechnik, die auf das Netzknüpfen der Fischer zurückgeht. Verwendet wird zwar nicht derselbe Knoten, aber doch ein sehr ähnlicher.

Nicht verwechseln sollte man diese Technik mit dem Sprang. Hier wird genauso mit nur einem fortlaufenen, allerdings parallel gespannten  Faden gearbeitet. Diese Parallelstänge werden miteinander verflochten, damit ein netzähnliches, dehnbares Gewebe entsteht, welches ebenfalls für die Herstellung von Haarnetzen benutzt wurde.

Auch mit dem Klöppeln kann man das Netzen nicht vergleichen. Hier entsteht, wie beim Netzen, eine sehr filigrane und nicht dehnbare Arbeit, jedoch werden für die Herstellung der feinen Spitzen viele einzelne Fadenstränge miteinander verflochten und verdreht.


Der Ursprung - tausend offene Fragen

Haarnetze wurden bereits um 300 v. Christus in Mesopotamien getragen. Auch die Römerinnen und Byzantinerinnen kannten sie. Mit welcher Technik diese hergestellt wurden, entzieht sich jedoch im Moment noch meiner Kenntnis.

In Europa hat man ebenfalls schon lange vor unserer heutigen Zeitrechnung bis ins 10./11. Jahrhundert nach Christus hinein Haarnetze aus Sprang getragen. Die Netztechnik wurde für Haarnetze wohl erst ab dem beginnenden 13. Jahrhundert verwendet.

Leider gibt es nur wenige Fundstücke. Da wären zum Beispiel:

  • der Elisabeth-Schrein von Marburg (datiert 1250) mit einer Darstellung in Verbindung mit dem Gebende
  • eine Netzhaube aus einem Landgrafengrab bei Nürnberg (datiert um 1300)
  • ebenfalls aus dieser Gegend das Häubchen der heiligen Elisabeth ( 13. Jh.)
  • in Bad Gandersheim wurde die Haube der heiligen Anna gefunden (13/14. Jh.), hier ist das Netz mit Brettchenborte verbunden
  • in Düsseldorf, sowie im Dom zu Halberstadt befinden sich ebenfalls Netzhauben, die für das 14. Jh. datiert sind.

Alle diese Stücke haben ihren Ursprung in Deutschland und außer bei dem Haarnetz mit dem gewebten Rand bzw. der Darstellung auf dem Elisabeth-Schrein, habe ich noch keine Hinweise auf Tragweise und Befestigung gefunden.

Allerdings bin ich kürzlich auf einen interessanten Bericht gestoßen, detaillierte Informationen fehlen mir aber noch:

Der Anfangsknoten.Der Arbeitsfaden
Ein Knoten im DetailDer Mittelstern des NetzesDie ersten Reihen

In den älteren Reihengräbern von Judendorf bei Villach sind Reste von Gold- und Seidengewebe gefunden worden, vermutlich von Hauben, Haarnetzen und Schleiern. Eine genaue Datierung ist mir nicht bekannt. Jedoch gab es ebenfalls Funde eines Silberpfennigs (datiert 1125) und diverser Eisenschlüssel, welche Anhaltspunkte für das 12./13.Jh. liefern sollen. Wäre interessant, zu erfahren, ob man da einen Zusammenhang herstellen kann.

In diesem Fall bin ich mit meiner Recherche noch nicht am Ende. Sind diese Haarnetze ebenfalls in der oben genannten Technik gearbeitet, oder sind es gesprangte Exemplare? Im Moment bin ich auf der Suche nach dem Ort, wo die Netze aufbewahrt werden bzw. ausgestellt sind, um Genaueres über diese Funde zu erfahren.

Ich hoffe auch auf so manchen Input aus der Mittelalterszene.


Mein Anfang

Begonnen hat alles vor mehr als 20 Jahren, als ich meiner Großmutter über die Schulter schauen durfte, während sie an einem Deckchen in Netztechnik arbeitete. Fasziniert von ihrem Tun wollte ich es auch versuchen, scheiterte aber kläglich. Der Knoten zwischen meinen Fingern und dem Garn konnte nur durch eine Schere gelöst werden. Mein erstes Tete-a-tete mit dem Netzen hatte damit ein jähes Ende gefunden.

20 Jahre später – meine Großmutter lebte schon lange nicht mehr – fiel mir Therese de Dillmont in die Hände. In ihrer „Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten“ stolperte ich zum zweiten Mal über die Technik. Noch immer wurmte mich mein damaliges klägliches Versagen und so wagte ich mich erneut an das Experiment, einen Faden mit sich selbst zu verknoten, ohne meine Finger dabei ihrer Freiheit zu berauben.

Was soll ich sagen: nach einigen Versuchen (die Schere war immer in Reichweite) ist es mir tatsächlich gelungen. Eine Reihe akzeptabler Knoten lagen vor mir auf dem Kissen. Die einfache Variante wäre jetzt gewesen, das Ganze umzudrehen und ein viereckiges Probestück anzufertigen. Aber warum einfach, wenn es umständlich geht. Ich hatte mir ein rundes Netz in den Kopf gesetzt und das sollte es jetzt auch werden. Womit ich vor dem nächsten Problem stand: Beim Rundnetzen soll mit einem Hilfsfaden gearbeitet werden.

Um es vorwegzunehmen, ich habe es versucht, nicht begriffen und habe meine Netze in Schneckenform gearbeitet. Klappt gut und ich glaube, man bemerkt den Unterschied nicht wirklich.

Mit viel Geduld und Spucke, einer Menge Flüche, verknoteten Fingern und einigen Wutausbrüchen, während derer meine Netzarbeit das Fliegen lernte, habe ich es geschafft: Das erste Rundnetz lag vor mir! Es war nicht besonders schön, etwas klein und merkwürdig verzogen, aber es war ein Anfang.

Ich hatte es endlich kapiert! Schnell machte ich mich jetzt an den zweiten Versuch, arbeitete nun, wie oben beschrieben, mit verschiedenen Stärken der Abstandsstäbchen und erhielt so ein recht akzeptables Netz in annehmbarer Größe.

Dann kam die Überlegung dazu, was ich damit anstellen wollte. Ein Deckchen stand außer Frage – was soll ich damit! Aber ein Haarnetz wäre nicht schlecht! Als nächstes musste ich das Problem der Befestigung am Kopf lösen. Ich wählte eine Art Haube/Kappe, an die ich das Netz nähte und die jetzt  fast von allein hält. Ob es das in dieser Art tatsächlich gegeben hat, wage ich zu bezweifeln, aber es sieht hübsch aus!

Leider erwies sich das erste Haarnetz in dieser Verbindung doch als etwas „eng“ - meine doch recht üppige Haarpracht war kaum zu bändigen.

Bei meinem nächsten Versuch habe ich nun alle zehn Reihen ein paar zusätzliche Schlingen eingearbeitet und damit eine akzeptable Form erreicht. Jenes Netz war es dann auch, welches den Grund für diesen Artikel lieferte.


Das Material

Verschiedene Nadeln, wie sie für das Netzen oder Filetknüpfen verwendet werden.Unterschiedlich breite Abstandhalter für das Netzen.
Verschiedene Nadeln und unterschiedlich breite Abstandhalter, wie sie für das Netzen (Filetknüpfen) verwendet werden.

Wichtigstes Utensil ist eine Netznadel. Sie ist an beiden Enden mit einer Art offenen Öse versehen, darunter ist ein Loch zum Fixieren des Fadens.

Außerdem braucht man noch einen Abstandhalter, im besten Fall ein sehr glatt geschliffenes Hölzchen – ich arbeite zur Zeit noch mit Plastikstäbchen – damit man einen gleichmäßigen Schlaufenabstand erhält. Bewährt hat es sich vor allem beim runden Netz verschiedene Breiten einzusetzen, weil man sich so zusätzliche Schlaufen weitestgehend erspart und das Netz schön gleichmäßig wird.

Ich habe bis jetzt nur mit Baumwollgarn gearbeitet, es ist schön fest und reißt nicht so schnell, wenn man die einzelnen Knoten festzieht. Seidengarn ist aber sicher auch einen Versuch wert, nur will ich dazu die Technik perfektioniert haben. Einen „falschen“ Knoten wieder zu lösen ist mit Baumwollgarn ziemlich schwer, aber mit Seide sicher unmöglich.


Zur Technik

Bevor man überhaupt beginnen kann, muss man das Garn, ähnlich wie bei einem Weberschiffchen, auf die Nadel aufziehen. Zu beachten ist, dass nicht zu viel Garn aufgenommen wird, da man sonst die Nadel nur schwer durch die einzelnen Schlingen ziehen kann.

Beim Rundfilet wird mit einer Schlaufe begonnen, die ich zur Fixierung an einem Kissen feststecke. Sie wird später festgezogen, damit der Mittelstern entsteht.

An diese Mittelschlaufe wird der Arbeitsfaden geknotet.

Netzen Anleitung Schritt 1
Zur Bildung des ersten Knotens wird der Faden von vorn nach hinten über Zeige-, Mittel- und Ringfinger der linken Hand zur Schlinge gelegt und anschließend mit dem Daumen (gemeinsam mit dem Stäbchen) gehalten.
Netzen Anleitung Schritt 2
Jetzt wird der Faden wie auf der Abbildung durch die Schlinge geführt.
Netzen Anleitung Schritt 3
Diese große Schlinge wird mit dem kleinen Finger gehalten.
Netzen Anleitung Schritt 4
Jetzt wird die Daumenschlinge losgelassen und der Faden vorsichtig angezogen. Die Schlinge um Zeige-, Mittel- und Ringfinger zieht sich straff. Diese Schlinge wird als nächstes losgelassen und so lange vorsichtig gezogen, bis der Knoten dicht am Netzstab liegt.
Netzen Anleitung Schritt 5
Nun wird noch die letzte Schlinge um den kleinen Finger gelöst und der Knoten fixiert.

Ich weiß – es klingt kompliziert! Aber nicht entmutigen lassen! Nach ein paar Schlingen wird es einfacher!


Resumee

Ich habe eine wunderbare Technik gelernt, bereits zwei zauberhafte Hauben gefertigt und habe mich in das Netzen verliebt! Leider hat die Recherche bisher ergeben, dass sie für den von unserem Verein gewählten Darstellungszeitraum um das Jahr 1170 nicht anwendbar ist.

Ich werde also meine Netze weiterhin nur zu besonderen Anlässen spazieren führen können.

Eine fertige Haube

Eure Antje

12.08.2012


Literaturquellen:

Therese de Dillmont: "Enzyklopädie der weiblichen Handarbeiten", Reprint-Verlag-Leipzig
ISBN 3-8262-0401-8
(Originalausgabe von 1893, Sächsische Landesbibliothek Dresden, Signatur 25 8° 273)

Katrin Kania: "Kleidung im Mittelalter", Böhlau Verlag Köln Weimar Wien, 2010
ISBN 978-3-412-20482-2


Bezugsquellen

Netznadel/Filet-Set:
www.teddys-handarbeiten.de (preiswert und gut geeignet zum Ausprobieren)
www.pallia.net (schon lange auf meiner Wunschliste, aber noch außerhalb des Budgets)

 

Borte (Seitenabschluß)