Stickerei im 12. Jahrhundert - Techniken und Materialien


Eine Übersicht über diesen Artikel

Zur Einleitung - Wann? Wo? Wer? Wozu?
Das Werkzeug - Persönliche Ausrüstung und archäologische Tatsachen
Die Materialien - Stickgrund und Stickgarn
Die Techniken - Fläche und Linie
Fazit - Oder: Viel dazu gelernt und viele Fragen
Literatur und Bildmaterial

Beispielsammlung


Zur Einleitung - Wann? Wo? Wer? Wozu?

Das 12. Jhd. liebt die ganz große Verzierung. Bildmaterial, Statuen, Beschreibungen sind voller prachtvoll gestalteter Kleidung.

Die berühmten Schneiderstrophen des Nibelungenlieds (Fassung A: Ende 12./Anfang 13. Jhd) sind nur eines von vielen Beispielen. Dort wird so ausführlich über Kleidung und Verzierung gesprochen, dass die Strophen von der Literaturwissenschaft lange als störend empfunden wurden.

Dabei waren diese und ähnliche Beschreibungen die Lifestylemagazine ihrer Zeit. So etwas wollte man tragen, so wollte man aussehen, so wollte man beeindrucken, seine Macht nach außen tragen, seinen Einfluss in der Gesellschaft betonen.

Neben der gesellschaftlich-profanen Selbstdarstellung gab es natürlich auch noch die geistliche. Die Kirche hatte ihre eigenen Gründe, voller Pracht sein zu wollen. Zu Gottes Ehren aber auch um zu überwältigen und die Gläubigen einen kleinen Blick auf das Himmelreich werfen zu lassen.

Der profanen und der klerikalen Seite sind viele Einzelheiten in der Stickerei gemeinsam: teuerste Stoffe in leuchtenden Farben, verziert mit Ornamenten und Figuren in Seide, in Gold und Silber, in Perlen und Edelsteinen - und zwar so viel und so prächtig wie möglich.

Ich habe mich schon vor meiner Zeit als Mittelalter-Darstellerin gerne und viel mit Stickerei beschäftigt. Da lag es nahe, dieses Interesse zu vertiefen und Informationen zu sammeln. Wie bei allen Recherchen zum 12. Jhd sind auch hier die belegbaren Beispiele dünn gesäht – jedenfalls im Vergleich zu späteren Zeitschnitten.

Allerdings … so durfte ich im Zuge meiner Recherchen feststellen, findet sich schon so einiges, wenn man erst einmal ordentlich zu suchen begonnen hat.

Wie sieht das also aus mit dem Sticken im 12. Jhd? Wer? Wie? Was? Womit? Wozu? – Alles Fragen, die ich mir selbst beantworten wollte

Zu meinen Quellen gehören die online zugänglichen Sammlungen von Museen, Fachliteratur zum Sticken und zur Textilverarbeitung allgemein und zum historischen Sticken im Besonderen; außerdem Fundberichte von archäologischen Grabungen und Ausstellungskataloge. Eine vollständige Liste der verwendeten Literatur bzw. der Internetseiten findet sich am Ende dieses Artikels. Eine umfangreiche Sammlung an Beispielen gibt es als eigenen Artikel.


Zeit und Raum – Eine nicht ganz einfache Einordnung

Obwohl dieser Artikel sich eigentlich mit dem ganzen 12. Jhd beschäftigt, wird man rasch feststellen, dass die meisten Beispiele zumindest in die 2. Hälfte oder gar gegen Ende des 12. Jhd datiert sind.

Eines der Beispiele, nämlich die Chape de Charlemagne (Mantel Karls des Großen), wurde sogar erst kürzlich mit Anfang 13. Jhd. neu datiert. Bis dahin hat man eher zum Ende des 12. Jhd. bzw. um 1200 tendiert. (Ich habe das Beispiel trotzdem in meiner Beispielsammlung belassen, weil es eine sehr genaue Analyse bietet. Die Neudatierung fußt außerdem auf der Motivik des Stückes, nicht auf der Sticktechnik.)

Die Gewichtung liegt also recht deutlich am Ende des Jahrhunderts. Beispiele vom Anfang des Jahrhunderts findet man kaum.

Geographisch gesehen habe ich mich auf Mittel- und Westeuropa beschränkt mit Ausflügen nach Italien und (sehr, sehr vorsichtig) Spanien. Auch wenn schon im 12. Jhd durch Kreuzzüge, Handel, Heiratspolitik, Gelehrte etc. durchaus ein reger Kulturaustausch stattgefunden hat, habe ich trotzdem versucht, mich auf unsere Breiten und die hier vorherrschenden, kulturellen Einflüsse zu konzentrieren.

Völlig außen vor gelassen habe ich daher Nord- und Osteuropa, sowie Nordafrika und die Levante. Wobei mir natürlich klar ist, dass islamische Kunst gerade auch im Süden Italiens (besonders im Rahmen der königlichen Werkstätten auf Sizilien) und natürlich in Spanien großen Einfluss hatte.

Bewusst vermieden habe ich auch Byzanz, das für mich kulturell noch zwiespältiger ist als Italien und Spanien.


Hoch, höher, am Höchsten – Erhaltene Stickereien und die Suche danach

Die allermeisten, noch existierenden Stücke gehören zur Ausstattung des Hoch- und Höchstadels (Krönungsgewänder, Grabgewänder von Kaisern, etc.) oder zur liturgisch-klerikalen Ausstattung.    

Ganz wenige Stücke KÖNNTEN (wenn man Wolle und Leinen als schlichtere Materialien sehen möchte) auch etwas niedrigeren Schichten angehört haben. Selbst da würde ich persönlich aber von Adel ausgehen. Es wird sicherlich nicht wenige Damen und Herren gegeben haben, die sich prächtiger gekleidet haben als ihr Stand das eigentlich vorschreibt. (Die Tatsache, dass man sich in Kirchenkreisen quer durch das Mittelalter darüber echauffiert hat, lässt das erahnen. Im 12. Jahrhundert hat sich sogar die Heilige Hildegard zu diesem Thema geäußert.) Aber man sollte doch in den meisten Fällen von regelkonformem Verhalten ausgehen. 

Man muss also beachten, dass sich die gefundenen Beispiele nur sehr behutsam auf eine Darstellung niedrigerer Bevölkerungsschichten anwenden lassen und das Meiste in diesem Fall spekulativ bleiben muss.

Ich habe versucht, eine möglichst weit gefasste Liste an noch existierenden Stücken zusammen zu stellen. Aber ich weiß, dass ich längst nicht alles gefunden habe, was es noch gibt.

Leider sind viele Sammlungen, zum Beispiel die meisten Domschätze, digital nicht abrufbar. Sogar große Museen lassen hier einiges zu wünschen übrig (z. B. das Vatikanische Museum, das sicher voll von interessantem Material wäre). Von Zeit zu Zeit habe ich in der Literatur Hinweise auf solche Stücke gefunden, bin dann aber bei der weiteren Recherche gegen geschlossene Türen gelaufen.

Daher meine Bitte an dieser Stelle: Sollte noch jemand konkrete Beispiele haben, meldet euch bei mir!


Wer hat gestickt? - Ein kleiner Blick auf die Handwerker

Die Damen des Adels

Die Epik des Hochmittelalters beschwört das Sticken als eine der ganz wichtigen Fähigkeiten einer adeligen Dame. Dabei wird besonders die Arbeit mit edlen Materialien wie Gold und Edelsteinen betont. Natürlich dient  dieser Topos auch dem Herausheben von Wohlstand und Bedeutung der handelnden Personen.

Das Nibelungenlied bietet auch hier mehr als genug Material. Aber ich möchte noch eine weitere, sehr bezeichnende Stelle aus dem Wolfdietrich-Epos vorstellen, wenn sie auch zeitlich etwas später einzuordnen ist (Mitte 13. Jhd):

Der Königsohn Hugdietrich will die Tochter des Königs Walgunt für sich gewinnen, die in einem Turm vor ihren Verehrern versteckt wird. Zu diesem Zweck verkleidet sich Hugdietrich als junge Dame. Um die Rolle überzeugend zu spielen muss er sich natürlich auch die entsprechenden Fähigkeiten aneignen.

Als Edeldame Hildegunt erlangt er am Hof des Königs große Anerkennung für seine feinen Stickereien und unterrichtet die Damen der Königin in dieser Kunst. Er stickt wundervolle, weiße Tischtücher und eine prunkvolle Haube mit Goldfäden für den König selbst. Die Königstochter hört von diesen wunderbaren Fähigkeiten und möchte sie auch erwerben. Daher lässt man Hugdietrich (natürlich in Verkleidung) schließlich zur Königstochter vor. (Brüggen, S. 119 f)

Inwiefern diese Beschäftigung auch in den weniger hohen Schichten üblich war, bleibt im 12. Jhd. im Dunklen. Zwei über alle Zeiten hinwegreichende Fakten sind aber erstens der Drang sich und seine Umgebung zu schmücken und die Tatsache, dass niedrigere Schichten die höheren immer nachzuahmen versuchten. Ich gehe daher schon davon aus, dass – soweit die Umstände es zugelassen haben – auch Frauen niedrigerer Schichten gestickt haben. Wie ich oben schon erwähnt habe, ist das aber reine Spekulation.


Die Klöster

Hand in Hand mit den Fähigkeiten der adeligen Damen gehen die der Nonnen. In vielen Klöstern fanden sich Mädchen und Frauen von Stand – sei es zur Erziehung, in ihrem Lebensabend oder tatsächlich als Nonnen. Sie brachten die Kunst von zuhause mit und/oder lernten und verfeinerten sie hinter Klostermauern. Und natürlich wurde das Wissen auch innerhalb der Orden weitergegeben.

Naturgemäß lag der Fokus hier auf Textilien, die zur klerikalen Welt gehörten.


Professionelle Werkstätten

Der Krönungsmantel Rogers II zeigt entlang des Saumes einen goldgestickten, arabischen Text, der wie folgt beginnt: "Dieser Mantel wurde gearbeitet in der prächtigsten, königlichen Kleiderkammer … " Unter den Armborten bzw. einer Manschette der Alba wurden außerdem Leinenstreifen gefunden, die die Namen der an der Herstellung beteiligten Handwerker tragen. (Siede/Stauffer S. 15 ff).

Diese Details – und natürlich auch die herausragende Qualität der Arbeit - zeigen recht klar, dass man es hier mit Profis zu tun hatte. Interessanterweise sind die hier genannten Sticker und Näher männlich, wie auch später in professionellen Werkstätten durchaus üblich.

In allen drei Fällen kann man sicher davon ausgehen, dass große Stücke von mehreren Personen auf einmal oder abwechselnd bearbeitet worden sind.


Das Werkzeug - Persönliche Ausrüstung und archäologische Tatsachen

Die Nadeln

Sticknadeln aus Bronze
Sticknadeln aus Bronze.

Nadeln in allen Größen gehören in jeden mittelalterlichen Haushalt – so auch in meinen. Einige meiner Nadeln sind eher zum Nähen gedacht (von feiner Wolle oder Leinen bis hin zu dickem Loden), andere sind vor Allem als Sticknadeln im Einsatz.

Meine Nadeln sind aus Bronze und wie man sieht, haben sie sowohl runde wie auch längliche Öhre. Noch sind beide Varianten gestanzt, was aber nur für die runde Version nachweisbar ist. Längliche Öhre wurden eigentlich gespalten und dann am Ende wieder verschweißt. Ich verwende die Nadeln mit länglichem Öhr für die Arbeit mit Wollgarnen, weil man es damit beim Einfädeln leichter hat.

Wie gesagt: meine Nadeln sind aus Bronze, es sind aber auch Nadeln aus Eisen belegt. Tatsächlich wird die zarteste Eisennadel im Fundkomplex der Londoner Funde in das 12. Jahrhundert datiert. Sie könnte tatsächlich für Stickereien gedacht gewesen sein. Sie ist gerade einmal 47 mm lang und hat einen Durchmesser von 1 mm. Das ist auch eine ganz normale Größe für eine moderne Sticknadel. Das Öhr wurde in diesem Fall gestanzt, ist also rund.

Die in London gefundenen Nadeln aus Kupferlegierungen (zum Beispiel Bronze) sind dagegen etwas größer und breiter (zwischen 65 und 70 mm Länge und zwischen 1,75 und 2,45 mm Breite). Bei diesen Nadeln geht man davon aus, dass sie evtl. auch zur Bearbeitung von Leder verwendet worden sind. (Egan S. 266 ff)

In York hat man ebenfalls sehr feine Nadeln aus dem 12. oder 13. Jhd gefunden. In diesem Fall sind sie sowohl aus Eisen wie aus Kupferlegierungen. Die Nadeln aus Kupferlegierung (Ende 12. oder 13. Jhd), sind sogar noch feiner als die Eisennadeln aus London. Sie sind 27 – 28 mm lang, 0,8 bis 0,9 mm breit und haben stumpfe Spitzen.

Gerade die Spitze deutet hier auch auf Sticknadeln hin. Stumpfe Spitzen schieben das Gewebe auseinander statt es anzustechen. Angestochene Fäden schwächen den Stickgrund und schaden durch den stärkeren Abrieb dem Stickgarn.

In den Funden von York lassen sich auch Nadeln mit länglichen Öhren (also gespaltenen und später verschweißten Enden) nachweisen. (Walton Rogers, S.1781 ff)


Die Nadeldose

Nadeldose und Bienenwachs
Nadeldose und Bienenwachs.

Eine Nadeldose ist eine praktische Sache. Gerade, wenn man sein Näh- und Stickzubehör des Öfteren transportieren muss, bietet so eine Dose eine stabile, nadelschonende Aufbewahrungsmöglichkeit. Bei mir kommt dazu, dass ich kein Nähkästchen besitze (ich finde, es nimmt unnötig Platz weg) und statt dessen einen bestickten Beutel für mein Zubehör nutze.

Natürlich KANN man Nadeln auch einfach in ein Stück Stoff stecken. Aber nachdem Bronzenadeln sehr viel weicher sind als moderne Stahlnadeln habe ich immer ein wenig Angst davor, dass meine Nadeln beim Transport verbogen werden könnten.

Bei den Funden in London findet sich auch eine Nadeldose, die aufgrund ihrer Fundschicht ins 12. Jhd datiert wird. Sie ist aus einem Stück Vogelknochen und 53 mm lang. Sie hat zwei Löcher in der Mitte durch die wahrscheinlich Metallringe gezogen waren, damit man die Dosen am Gürtel tragen kann. Allerdings hat das Stück eine große Ähnlichkeit mit früheren Funden in Nord-Westeuropa und Birka. Daher ist es laut Egan/Pritchard auch gut möglich, dass das Stück älter ist als die Datierung der Keramikschicht, in der es gefunden wurde.

Da mir sonst keine Funde aus dem 12. Jhd bekannt sind, bleibe ich vorerst bei meiner ganz schlichten, hölzernen Nadeldose. Ich kenne außerdem kein Bildmaterial auf dem eine Dame mit Utensilien am Gürtel abgebildet wäre. Daher lasse ich davon lieber die Finger und meine Nadeldose in ihrem Beutel.


Das Wachs

Ja, genau – ganz normales Bienenwachs. Wie fürs Nähen verwende ich Wachs teilweise auch zum Sticken.

Abhängig von Technik und Garn kann es sehr hilfreich sein, den Faden leicht zu wachsen. Und sei es nur die äußerste Spitze um leichter einfädeln zu können.


Die Schere

Frühmittelalterliche Schere
Frühmittelalterliche Schere. (In dieser Form für das 12. Jahrhundert nicht passend.)

Hochmittelalterliche Schere
Beispiel für eine hochhmittelalterliche Schere. (Nach Walton Rogers, Penelope "Textile Production at 16-22 Coppergate", S. 1779)

Notfalls kann man zum Abschneiden von Fäden auch ein kleines, sehr scharfes Messer verwenden. Aber eine gute Schere erleichtert das Leben gewaltig.

Die Scheren aus York sind durchwegs aus Eisen. Deren Größe variiert stark und deren Form hat sich, lt. Walton-Rogers auch vom 9. Jhd an kaum verändert. Sie alle haben ein mehr oder weniger stark gebogenes Ende von dem aus die beiden Klingen abgehen.

Scheren ohne Bogen (oder Rundung) am Ende gehören dagegen in frühere Zeiträume. Meine Schere wäre demnach für das 12. Jhd zu alt.


Der Stickrahmen

Die im 12. Jhd. besonders für Goldstickerei sehr beliebte Anlegetechnik arbeitet mit Spannstichen. Für diese Technik benötigt man unbedingt einen Stickrahmen um das Gewebe straff zu halten bis die Fäden fixiert sind. Auch für andere Techniken ist es unter Umständen hilfreich, einen Stickrahmen zu verwenden um das Verziehen des Stoffes durch die Stickerei zu verhindern. Besonders bei größeren Stücken und/oder feinen Stoffen kann es da Probleme geben.

Den Stickrahmen führe ich hier nur der Vollständigkeit halber an, denn mehr zu Stickrahmen im Allgemeinen und meinem großen Stickrahmen im Besonderen (inklusive Bauanleitung und Details zur Bespannung) findet sich demnächst in einem separaten Artikel.

Für kleinere Arbeiten verwende ich zuhause meistens runde Stickrahmen, die aber zu 100% modern sind. Diese Rahmen haben auf Veranstaltungen nichts verloren und sind rein für den Hausgebrauch gedacht. Ich besitze auch einen kleinen, eckigen Rahmen, der für das 12. Jhd aber ebenso spekulativ bleiben muss wie sein großer Bruder.


Die Perlennadel

DAS ist ein absolut nicht belegbares Werkzeug, fürchte ich.

Ich verwende die sehr lange und feine Nadel (alternativ geht auch ein sehr glattes Holzspießchen) um Seidengarn und Goldlahn bei Anlegearbeiten genau dahin zu schieben wo ich sie auf dem Stoff haben möchte. Fingerspitzen sind da manchmal einfach zu groß und schwerfällig.


Die Pinzette

Und noch was, was als Werkzeug zum Sticken nicht belegbar ist. Eine Pinzette ist enorm hilfreich bei der Arbeit mit Goldlahn. Gerade die Enden der Fäden lassen sich mit einer Pinzette besser festhalten, ohne dass sich der Metallmantel von der Seele löst.


Die Materialien - Stickgrund und Stickgarn

Stickgrund

Als Stickgrund bezeichnet man den Stoff, auf dem gestickt wird. Der Stickgrund kann eine einfache Lage Stoff sein, kann aber auch aus mehreren Lagen bestehen, etwa wenn sehr feines Material zur Verstärkung hinterlegt werden muss.

Der Stickgrund bestimmt die Optik der fertigen Stickerei maßgeblich mit. Zunächst einmal natürlich durch seine optischen Eigenschaft (zb. Farben, Glanz der Seide etc.) aber auch durch 'technische' Details wie Feinheit des Materials, Webdichte, Fadenanzahl, usw.

Im 12. Jhd lassen sich Seide, Leinen und Wolle als Stickgrund finden und zwar in den allermeisten Fällen als einzelne Lage, in wenigen Fällen wurde das bestickte Element im nachhinein auf einen anderen Stoff appliziert.


Seide

Seidenstoff
Seidenstoff

Seide in diversen Bindungen war DER Stoff für den Hochadel und den hohen Klerus. Bei vielen Funden ist leider keine Bindungsart angegeben. Der Stickgrund ist dann lediglich mit 'Seide' bezeichnet.

Die Funde mit genauen Angaben zum Stickgrund geben hier oft Seide in Samitbindung an. Samit ist eine inzwischen nicht mehr verwendete Bindungsart, die  mit zwei Ketten (einer Haupt- und einer Bindekette) und mit mehreren Schüssen hergestellt wird. Der Stoff bildet dabei eine leicht strukturierte Oberfläche, die ihm auch den Namen 'geritzte Seide' eingebracht hat. Man kann Samit auch gemustert weben. In diesem Fall ist er in sich, also Farbe in Farbe, gemustert – eine im 12. Jhd sehr beliebte Variante.

Lampas ist eine dem Samit nachfolgende Bindungsart. Seide in Lampasbindung kann man im 12. Jhd bereits finden, sie ist aber noch recht selten. Zwischen Samit und Lampas liegt in der Entwicklung der sog. Protolampas, eine Zwischenform, die ebenfalls im 12. Jhd schon vorkommt, wenn auch ebenfalls sehr viel seltener als Samit. Die Samitbindung stirbt im 13. Jhd vollständig aus.

Man kann aber sicher auch von Seide in einfacheren Bindungen wie Leinen- oder Köperbindung ausgehen.

Für dünne, weiche Seide ist es ratsam, den Stoff mit Leinen zu hinterlegen um dem Geweben etwas mehr Stabilität zu verleihen. Bei schwerer Bindung ist das nicht notwendig. (Und tatsächlich habe ich bei den erhaltenen Stücken nur einmal einen Hinweis auf Leinen als Verstärkung gefunden.)

Grundsätzlich finde ich die Arbeit mit Seide sehr angenehm, man sollte aber unbedingt darauf achten, dass die Hände eingecremt und glatt sind.


Leinen

Handgewebter Leinenstoff
Handgewebter Leinenstoff

Weißes aber auch gefärbtes Leinen ist ein weiterer, beliebter Stickgrund im 12. Jhd. Ich habe zwei Beispiele für Weißstickerei auf weißem Leinen und mehrere Stücke auf gefärbtem Leinen gefunden.

Über die Bindung war nicht viel heraus zu finden. Aber ich gehe von gewöhnlicher Leinenbindung wie auch von Köperbindung aus.

Leinen ist DER klassische Stickgrund. Für Zählmuster, wie sie später besonders beliebt werden, eignet sich nichts so gut wie Leinen in klassischer Leinenbindung. Auch andere Sticktechniken, wie zum Beispiel diverse Anlegetechniken, werden später auf Leinen ausgeführt und dann auf andere Stoffe (z. B. Samt) appliziert.

Letzteres war im 12. Jhd aber noch nicht üblich. Die Applikationen, die ich gefunden habe (wie zum Beispiel auf dem Mantel Philipps von Schwaben) sind auf Seide gestickt und dann appliziert.

Leinen hat den Vorteil, dass es eine vergleichsweise stabile Struktur bietet und sich nicht ganz so leicht verzieht wie andere, weichere Stoffe. Trotzdem ist es bei sehr feinem oder locker gewebtem Leinen geraten, einen Stickrahmen zu verwenden.

Pflanzengefärbter Wollstoff
Pflanzengefärbter Wollstoff


Wolle

Die Funde auf Wolle sind deutlich in der Unterzahl im Vergleich zu den beiden anderen Materialien.

Ich habe bisher viel auf Wolle gestickt und mag das Material sehr. Mein Stickgrund war bisher ausschließlich Wolle in Köperbindung, sowohl in dickerer als auch in sehr feiner Qualität. In keinem der genannten Fälle konnte ich eine große Tendenz zum Verziehen feststellen. Auch dann nicht, wenn ich ohne Stickrahmen gearbeitet habe.


Stickgarn

Unser Lager mit Feuerstelle und Sonnensegel
Goldlahn

Unser Lager mit Feuerstelle und Sonnensegel
Japangold

Gold- und Silberlahn

Der König der Stickgarne ist der Metallfaden. Es gibt davon diverse Formen. Bei der im 12. Jhd. gängigsten wird ein sehr dünner Metallstreifen um eine Seidenseele gewickelt. Dieser Metallstreifen konnte aus vergoldetem Silber, aus reinem Gold oder aus reinem Silber sein.

Abgesehen davon findet sich Golddraht und auch Häutchengold (dabei wird auf einem Träger aus dünnem Pergament eine Schicht aus Blattgold aufgebracht.).

Es ist nicht ganz einfach, echten Goldlahn zu bekommen. Für gewöhnlich verwendet man heute sog. Japangold. Bei dem hochwertigsten Japangold handelt es sich um einen Träger aus Kunststoff, der mit Blattgold versehen ist. Beides ist dann um eine Seele aus Seide gewickelt. Es gibt aber auch Formen mit einer Kunststoffbeschichtung und Kunststoffseele.

Ich habe sowohl echten Metalllahn (vergoldetes Silber in diesem Fall) als auch Japangold. Mit dem echten Zeug werde ich erst arbeiten, wenn ich die Technik wirklich vollständig im Griff habe. Mein Japangold ist aber hochwertiges Material mit Metallauflage und lässt sich sehr gut verarbeiten. Bei der Arbeit mit Metallfäden sollte man unbedingt einen Stickrahmen verwenden, weil Metalllahn sich nur sehr bedingt durch den Stoff ziehen lässt und daher nur in Anlegetechniken verarbeitet werden kann.


Seidengarn

Für die im 12. Jhd so beliebten strahlenden Farben eignet sich nichts so gut wie Seidengarn.

Verwendet wurde in den allermeisten Fällen gar nicht oder nur ganz leicht gedrehtes Seidengarn aus Maulbeerseide. Dieses Garn nennt man auch Flossseide oder Seidenfloss. Der Vorteil dabei ist, dass die sehr feinen, einzelnen Fasern des Garns einen wunderbaren Glanz besitzen und sehr gut dazu geeignet sind, mit diversen Techniken flächendeckend verwendet zu werden.

Pflanzengefärbte Seidengarne
Pflanzengefärbte Seidengarne

Ich liebe es, mit Seide zu arbeiten. Für mich vermittelt nichts so viel Freude am Handwerk wie der glänzend bunte Regenbogen aus pflanzengefärbtem Seidengarn. Mein Garn wird gezwirnt geliefert, lässt sich aber ganz problemlos lösen und dann als Floss verwenden.

Wichtig dabei ist, dass die Hände absolut glatt sind. Sind sie das nicht, bleiben die feinen und feinsten Fasern der Maulbeerseide an den Fingern kleben und der Faden ist unmöglich weiter zu verarbeiten.

Selbst wenn man sonst keine Arbeit verrichtet, die die Hände rauh macht, muss man für Seidenstickerei besonders darauf achten, geschmeidige Hände zu haben. Im Mittelalter hätte bereits das die möglichen StickerInnen eingeschränkt. Ich gehe als von adelige Damen aus, oder von jenen, deren Hauptarbeit das Sticken war, wie Nonnen mit entsprechendem Aufgabengebiet oder die Künstler in den königlichen Werkstätten in Palermo.

In DEM Werk aus dem 12. Jhd. über Frauenmedizin und Kosmetik, der "Trotula" ist die Rede von diversen Ölen und Fetten, die für kosmetische Zwecke verwendet wurden, zum Beispiel Rosen- oder Veilchenöl oder auch Hühnerfett, aber ich denke, im Normalfall wird man wohl auch Profaneres wie z. B. Lanolin verwendet haben.


Gimp

Gimp nennt man Seidenfloss, der in einem Winkel von fast 90 Grad um eine Seele aus Leinen gewickelt wird. (Eine ganz ähnliche Zwirntechnik also wie moderne Corespun-Garne.) Gimpfäden finden sich als Haltefäden bei Anlegearbeiten oder auch als Konturfäden.

Diese Spielart des mittelalterlichen Garns besitze ich leider nicht und habe bisher auch noch niemanden gefunden, der welches anbietet. Wenn mich irgendwann einmal der Ehrgeiz beißt, werde ich vielleicht auch versuchen, sowas selbst zu machen.


Leinengarn

Leinengarn
Leinengarn

Leinengarn habe ich in Verbindung mit sog. Weißstickerei gefunden. Weißes Leinengarn auf weißem Leinen ergibt einen sehr schönen, klaren und sauberen Effekt. Ideal für Altartücher oder (spekulativ!) auch für feine Unterkleidung.

Eine andere Anwendung von Leinenfaden gab es bei der versenkter Anlegetechnik. Dabei wurde Leinenfaden als Haltefaden verwenden. Nach eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich Leinen dafür sehr gut eignet, weil es dem Goldfaden auf der linken Seite des Stickgrundes guten Halt bietet.

Zu bedenken ist bei Leinengarn immer, dass es nie ganz gleichmäßig ist, dass es ungewachst leicht ausfasert und dass es weniger geschmeidig ist als Garne aus Tierfasern.


Wollgarn

Pflanzengefärbte Wollgarne
Pflanzengefärbte Wollgarne. Wirklich ALLE Farben stammen aus Pflanzenfärbungen

In meiner Fundliste taucht Wolle in Verbindung mit Leinen als Stickgrund auf. Man kann feine Wollfäden wunderbar zu großen, farbigen Bildern verarbeiten. Da das meiste Nähgarn gezwirnt war, gehe ich auch beim Stickgarn eher von gezwirnten Fäden aus.

Meine eigenen Stickereien zeigen allerdings, dass man auch mit Singlegarnen gut sticken kann. Sie reißen leichter, sind aber auch wunderbar flexibel. Ich arbeite sehr gern mit Wolle. Sowohl mit etwas gröberem Garn für Zierstiche auf Wollstoff als auch mit feinem für Details bei Bildstickereien. Wolle ist das beste Garn für mittelalterliche Stickanfänger, weil es auch pflanzengefärbt erschwinglich ist und weil es kleine Fehler in der Technik eher vergibt als Seide.

 


Die Techniken - Fläche und Linie

Zunächst einmal möchte ich bemerken, dass die hier gelisteten Techniken alleine auf dem basieren, was ICH gefunden habe. Wie oben erwähnt, habe ich aber ganz sicher nicht alles gesammelt, was es zu sammeln gibt, daher erhebt diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


Der Stielstich

Stielstich

Der Stielstich wird im 12. Jhd sehr gerne und viel genutzt. Beim Stielstich bildet das Garn eine durchgängige Linie mit einer leicht gedrehten Optik. Diese Stichart lässt sich sehr flexibel arbeiten und wird gerne als Konturstich oder zum Herausarbeiten von Details verwendet.

Der Spaltstich

Spaltstich

Ebenfalls ein sehr viel verwendeter Stich ist der Spaltstich. Gemeinsam mit dem Kettstich (siehe unten) ist er DER Stich um Flächen zu füllen. Dieser Stich wird gerne in Kombination mit Goldarbeiten verwendet, wenn auch beides durchaus unabhängig voneinander vorkommt.

Der Kettstich

Kettstich

Der Kettstich eignet sich – ebenso wie der Spaltstich - dazu Flächen zu füllen. Auch den Kettstich findet man in Verbindung mit Goldstickereien, wenn auch weniger häufig als den Spaltstich.

Wegen des breiteren Stichbildes geht das Füllen schneller als mit dem Spaltstich. Dafür müssen die Stiche aber auch besonders sorgfältig gesetzt werden, damit eine geschlossene Fläche entsteht und sich keine Lücken innerhalb des Stiches bilden.

Der offene Kettstich

Offener Kettstich

Diesen Stich habe ich ausschließlich in Verbindung mit Weißstickerei gefunden. Er ermöglicht eine verhältnismäßig breite, stark strukturierte Linie, die für eine Arbeit Weiß auf Weiß gut geeignet ist. Außerdem kann man auch mit diesem Stich- wie mit dem regulären Kettstich - recht leicht vorgezeichneten, freien Linien folgen. 

Plattstich (bei Schütte/Christensen auch 'Flachstich')

Plattstich

Den Plattstich findet man eher selten. Wenn, dann werden damit nur kleine Flächen gefüllt. Da der Plattstich vergleichsweise viel Garn benötigt (es bleibt genauso viel Garn auf der Rückseite wie auf der Vorderseite) ist er auch ganz und gar nicht dazu geeignet wertvolles Garn zu sparen.

Zopfstich oder Geschlossener Kreuznahtstich

Zopfstich
Zopfstich

Hexenstich
Hexenstich

Dieser Stich ist eine Vorform des Kreuzstiches. Der Kreuzstich selbst ist in seiner heutigen Version im 12. Jhd noch gar nicht üblich. Der Zopfstich hat auch sehr viel mit dem Hexenstich gemein - vielleicht mehr als mit dem modernen Kreuzstich. Beim Kreuzstich wird für gewöhnlich erst ein Arm des Kreuzes in einer Reihe gestickt und auf dem 'Rückweg' der zweite Arm in der anderen Richtung darüber gesetzt. Beim Hexenstich, wie beim Zopfstich, werden dagegen die kompletten Kreuze im selben Arbeitsgang nebeneinander gesetzt.

Der Unterschied zum Hexenstich liegt darin, dass beim Zopfstich der längere Arm des Kreuzes über das Kreuz davor gesetzt wird. Der Stich wird sehr eng gearbeitet und ergibt dann eine geschlossene Fläche, die ein wenig wie nebeneinander liegende Zöpfe aussieht (daher der Name).

Im Gegensatz zu allen bisher genannten Stichen, die alle nach freien Mustern gearbeitet werden, ist der Zopfstich der einzige, der als Zählstich gearbeitet wird. Nur, wenn man die Kreuze sehr exakt setzt, ergibt sich der gewünschte Effekt. Auch das Muster auf der Glockenkasel ist geometrisch und scheint auf diese Art der Stickerein hinzudeuten. Zählstickereien sind im 12. Jhd aber noch eher selten.


Die Anlegetechnik

Bei der Anlegetechnik werden die Stickfäden fast ausschließlich an der Oberfläche geführt und dort nebeneinander angeordnet 'angelegt'. Diese Anlegefäden werden dann mit den sog. Überfangfäden befestigt.

Anlegetechnik an der Oberfläche - Aufsicht und Querschnitt durch den Stoff
Anlegetechnik an der Oberfläche. Draufsicht (oben) und Querschnitt durch den Stoff von der Seite (unten)

Anlegetechnik an der Oberfläche - Überfangung eines Fadens im Detail
Überfangung eines Fadens im Detail

Die Anlegetechnik eignet sich besonders gut für Metallfäden, wenn es auch Beispiele für Anlegearbeiten in Seide gibt. Ein großer Vorteil ist, dass das edle Material so gut wie ausschließlich an der Oberfläche des Stickgrundes bleibt, dass also kaum Material an der nicht sichtbaren, linken Seite 'verschwendet' wird. Bei teurem Material wie Metall- und Seidenfäden ist das natürlich ein wichtiger Faktor. Dazu kommt, dass Metallfäden recht empfindlich sind. Würde man sie, wie anderes Garn, oft durch den Stoff ziehen, würde sich die Metalloberfläche schnell von der Seele lösen.

Es gibt im 12. Jhd zwei Arten der Anlegetechnik: Die Anlegetechnik an der Oberfläche und die versenkte Anlegetechnik.


Anlegetechnik an der Oberfläche

Bei dieser Form wird der Faden wirklich NUR an der Oberfläche geführt und dort auch mit sichtbaren Fäden am Stickgrund festgenäht. Die Metallfäden werden für gewöhnlich doppelt genommen. Die Überfangfäden sind oft versetzt angeordnet. Die Enden werden untergeschlagen und festgenäht oder im Stickgrund versenkt.


Versenkte Anlegetechnik

Versenkte Anlegetechnik - Aufsicht und Querschnitt durch den Stoff
Versenkte Anlegetechnik. Draufsicht (oben) und Querschnitt durch den Stoff von der Seite (unten)

Die versenkte Anlegetechnik wird für das 12. Jhd bereits als Opus Anglicanum (Englische Arbeit) bezeichnet, weil sie in England weit verbreitet war. Schütte/Christensen bezeichnen diese Technik der Goldstickerei als Vorform des eigentlichen Opus Anglicanum bei dem im 13. und 14. Jhd. komplexe Seidenstickereien mit der versenkten Anlegetechnik in Gold kombiniert werden.

Dabei wird der Goldfaden ebenfalls überfangen, aber dann wird mit der Nadel in dasselbe Loch zurück gestochen, aus dem der Überfangfaden gekommen ist. Mit kräftigem Zug wird dann der Goldfaden in einer winzigen Schlaufe durch das Gewebe auf die linke Seite gezogen. Der Überfangfaden wird dadurch unsichtbar und die Goldoberfläche ist geschlossen und besonders glänzend. Die Fäden werden auch hier üblicherweise versetzt überfangen und versenkt.

Der Vorteil dieser Technik gegenüber der Anlegearbeit an der Oberfläche ist, dass jede kleine Goldschlaufe eine Art 'Scharnier' in der sonst sehr schweren Goldstickerei bildet – dadurch wird die gesamte Fläche weit flexibler und fällt schöner. Für das großflächige Verzieren von Kleidung ist das also eine geeignetere Methode.

Im 12. Jhd wird die versenkte Anlegetechnik noch ausschließlich direkt auf Seide gearbeitet. Später wird es dann weit üblicher, Leinen als Stickgrund zu verwenden und dann (wie oben ewähnt) die fertige Stickerei auf andere Stoffe wie Seide oder – noch später – Samt zu applizieren.


Sonderformen der Überfangung

Wie bereits erwähnt wurde üblicherweise versetzt überfangen. Allerdings kann man durch gezielten Einsatz der Überfangfäden (sowohl oberflächlich als auch versenkt) auch sehr schöne Effekte erzielen. Im 12. Jhd hat man z. B. auch farbige Überfangfäden verwendet, die auf dem goldenen Untergrund auffallen sollten. Oder man hat die Überfangungen in einer bestimmten Form gesetzt um etwa einen Tierkörper zu modellieren oder ein bestimmtes Muster zu erzielen.

Später im Mittelalter entwickelt sich aus dieser Technik die sog. Lasurstickerei, bei der farbige Seidenfäden auch sehr dicht über die Goldfäden gestickt werden, um besonders schöne Farb- und Lichteffekte zu erzielen.


Fazit - Oder: Viel dazu gelernt und viele Fragen

Als ich mit meiner Recherche begonnen habe, habe ich eigentlich erwartet, dass das Sammeln der Sticktechniken eine unendliche Arbeit werden wird. Schließlich gibt es heute so viele verschiedene Stiche, Abarten und Kombinationen davon – ganz zu schweigen von Techniken wie Hardanger, die auch noch mit dem Stickgrund selbst spielen.

Ich hatte vor Allem mit stark regional begrenzten Vorlieben gerechnet. Aber nein, der Großteil der Stiche wird in ganz Mittel- und Westeuropa verwendet. Besonders hervorzuheben sind Spalt-, Kett- und Stielstich, über die man wirklich überall stolpert. Die versenkte Anlegetechnik als Spezialität des Opus Anglicanum kann hier noch am Ehesten regional festgemacht werden. Nun muss man natürlich – auch hier – beachten, dass die existierenden Stücke allesamt Luxusgüter sind. Möglicherweise haben wir es also mit einem Standard für Arbeiten in einem solchen Umfeld zu tun.

Und wieder einmal habe ich das Gefühl, nur ein kleines Schlüsselloch gefunden zu haben, durch das ich das Leben im 12. Jhd wahrnehmen kann. Wieder einmal fehlt der ganz normale Alltag. Aber so begrenzt der Blick auch sein mag, habe ich doch viel mehr dazu gelernt, als ich dachte. Besonders über Material, Können und gesellschaftliche Verbindungen.

Ein paar Dinge sind mir auch immernoch ein Rätsel. So habe ich, zum Beispiel, immer noch nicht herausgefunden, wie genau man die versenkte Anlegetechnik auf Seide stickt ohne die Seide zu beschädigen (ich GLAUBE inzwischen, es liegt an der Bindungsart) und wie die Sticker es geschafft haben, jedes Mal in das selbe Loch zurück zu treffen. Selbst nach langem Üben, einiger Erfahrung im Sticken und modernen Nadeln ist mir das noch nicht gelungen. NOCH nicht. Das Abenteuer geht weiter.


Literatur und Bildmaterial

  • Luckardt, Jochen, Franz  Niehoff (Hrsg.), "Heinrich der Löwe und seine Zeit - Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125 - 1235" Katalog der Ausstellung Braunschweig 1995, Band 1 - Katalog, Hirmer Verlag, München, 1995
  • Blöcher, Heidi "Die Mitren des hohen Mittelalters", Abegg-Stiftung, 2012
  • Brüggen, Elke "Kleidung und Mode in der höfischen Epik des 12. und 13. Jahrhunderts", Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg, 1989
  • Grönwoldt, Ruth "Stickereien von der Vorzeit bis zur Gegenwart: aus dem Besitz des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart und der Schlösser Ludwigsburg, Solitude und Monrepos", Württembergisches Landesmuseum Stuttgart und Hirner Verlag, München, 1993
  • Historisches Museum der Pfalz Speyer (Hrsg.) "Des Kaisers letzte Kleider – Neue Forschungen zu den organischen Funden aus den Herrschergräbern im Dom zu Speyer" Begleitbuch zur Ausstellung, Historisches Museum der Pfalz Speyer, 2011
  • Kania, Katrin "Mittelalterliche Goldstickerei - Anleitung für Einsteiger", Eigenverlag, 2015
  • Keupp, Jan "Mode im Mittelalter", Primus Verlag, Darmstadt 2011
  • Siede, Irmgard, Annemarie Stauffer (Hrsg.) "Textile Kostbarkeiten Staufischer Herrscher – Werkstätten, Bilder, Funktion", Tagungsband zum internationalen Kolloquium im Rahmen der Ausstellung ,Die Staufer und ltalien" am 20. und 21. Januar 2011 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014
  • Haussherr, Reiner, Christian Väterlein "Die Zeit der Staufer – Geschichte - Kunst – Kultur" Katalog der Ausstellung Stuttgart 1977, Band 1, Würtembergisches Landesmuseum, Stuttgart, 1979
  • Wieczorek, Alfried, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.) "Die Staufer und Italien – Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa" Band 1
  • Egan, Geoff "The Medieval Houshold – Daily Living c. 1150 – 1450" Medieval Finds from Excavations in London, Boydell Press, Museum of London, London, 2012
  • Egan. Geoff, Frances Pritchard "Dress Accessories 1150 – 1450" Medieval Finds from Excavations in London, Boydell Press, Museum of London, London 2002
  • Walton Rogers, Penelope "Textile Production at 16-22 Coppergate" The Archaeology of York – Volume 17: The Small Finds, Council of British Archaeology, York, 1997
  • Ottaway, Patrick, Nicola Rogers "Craft, Industry and Everyday Life: Finds from Medieval York." The Archaeology of York – The Small Finds 17/15, Published for the York Archaeology Trust by the Council for British Archaeology, 2002
  • Von Wilckens, Leonie "Die textilen Künste. Von der Spätantike bis zum 1500", C.H.Beck, 1991
  • Wetter, Evelin "Mittelalterliche Textilien III. Stickereien bis zum 1500 und figürlich gewebte Borten" Textilsammlung der Abegg-Stiftung Band 6, 2012
  • Schuette, Marie, Sigrid Müller-Christensen "Das Stickereiwerk", Verlag Ernst Wasmuth, Tübigen, 1963
  • Schmedding, Brigitta "Mittelalterliche Textilien in Kirchen und Klöstern der Schweiz", Schriften der Abegg-Stifung, Stämpfli Verlag, 1978
  • Seeberg, Stefanie "Textile Bildwerke im Kirchenraum - Leinenstickerei im Kontext mittelalterlicher Raumausstattungen aus dem Prämonstratenserinnenklsoter Albenberg/Lahn", Michael Imhof Verlag, 2014
  • Staniland, Kay "Medieval Craftsmen - Embroiderers", British Museum Press, 1993
  • Green, Monica H. (Ed.) "The Trotula - An English Translation of the Medieval Compendium of Women's Medicine" University of Pennsylvania Press, Philadelphia, 2002
  • Bayerisches Nationalmuseum
  • The Metropolitan Museum of Art
  • The Victoria and Albert Museum
  • Staatliche Museen Berlin
  • Réunion des Musées – Bildarchiv der Französischen Nationalmuseen
  • The British Museum
  • Deutscher Bildindex für Kunst und Architektur
  • Rijksmuseum – Museum der Niederlande
  • Historical Needlework Resources
  • Deutsche Digitale Bibliothek – Kunst und Kultur Online
  • Kulturelles Erbe Köln
  • Genevra Kornbluth Photography
  • Die Staufer und Italien (Homepage)
  • Bildindex des Kunsthistorischen Museums Wien
  • Universität Klagenfurt
  • Wikimedia Commons

Zur Beispielsammlung von Stickerei des 12. Jahrhunderts


Christa Schwab, 20.9.2015

 

Borte (Seitenabschluß)