Spinnen nach historischem Vorbild

Schon ganz am Anfang meiner Reenactor- (oder damals besser Gromi-)Zeit habe ich mich für alle möglichen Arten des Handwerks interessiert. Auch fürs Spinnen mit der Handspindel. Damals bin ich über das Flinkhand-Forum zu dem Thema gekommen und habe es dann auch mit Hilfe der Seite von Flinkhand gelernt. Allerdings wird dort lediglich 'modernes' Spinnen gezeigt – also mit einer modernen Fallspindel. Meine damaligen Erfahrungen findet ihr im Artikel Spinnen.

Wenn man absoluter Spinnanfänger ist, ist das immer noch ein sehr guter Weg, den ich hier wärmstens empfehlen möchte. Denn die moderne Methode ist für den Anfang auf jeden Fall einfacher und schafft schon einmal ein Gefühl für Faser, Faden und Spindel.

Aber… nachdem ich dann mit der ernsthaften Recherche begonnen habe, bin ich immer wieder über Bilder von spinnenden Frauen gestolpert. Und DAS hat dann doch anders ausgesehen als das, was ich gemacht habe. Das warf eine Menge Fragen auf.


Eine Übersicht über diesen Artikel

Spindel, Faden und viele Fragen
Spindel, Faden und ein paar Antworten
Einfach ist nicht dasselbe wie simpel – die Ausrüstung
Übung und Fingerspitzengefühl – die Methode


Spindel, Faden und viele Fragen

Es gibt quer durchs Mittelalter eine ganze Menge Bilder zum Thema Spinnen.

Moderne Fallspindeln
Moderne Fallspindeln mit großen Wirteln und einem nur unten spitz zulaufendem Stab.

Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie wichtig diese Tätigkeit war. Ohne Spinnen keine Fäden, ohne Fäden kein Stoff. Spinnen war eine so essentielle und auch speziell weibliche Tätigkeit, dass es oft als Symbol für weibliche Arbeit an sich steht.

Gemeinsam ist den meisten Darstellungen, dass die Frauen Fallspindeln benutzen - also Spindeln die an dem gesponnenen Faden hängen. Das kannte ich ja noch, das tut eine moderne Fallspindel auch. Aber die Form der Spindel ist ganz anders

Die Spindeln, die ich kannte, hatten relativ große, radförmige Wirtel. So wie diese auf nebenstehendem Bild.

Die Wirtel auf den Bildern sind entweder gar nicht vorhanden oder sehr klein.

Außerdem wird fast durchwegs ein Spinnrocken verwendet. Also ein Holzstab, auf den die Spinnfasern gewickelt und festgebunden werden. Rocken kannte ich nur vom Spinnrad oder vom Verspinnen von Leinen.

Gesponnen wird im Sitzen, Stehen, offensichtlich auch im Gehen oder während anderer Arbeiten.
Der Rocken ist dabei oft durch den Gürtel gesteckt und/oder unter den Arm geklemmt. Bei sitzenden Spinnerinnen findet man aber auch stehende, große Spinnrocken oder der Rocken ist zwischen die Knie eingeklemmt.

Wer sich gerne eine Menge Bildmaterial zu dem Thema ansehen möchte, findet es – zum Beispiel – bei larsdatter.com (Seite in Englisch).

Spinnende Eva mit Spinnrocken und Spindel ohne Wirtel (um 1170)
Spinnende Eva aus dem Hunterian Psalter (ca. 1170) mit Spinnrocken und einer Spindel ohne Wirtel.
Quelle: Wikimedia Commons

Hier ein Beispiel aus dem Hunterian Psalter (ca. 1170), an dem man sehr schön sehen kann, was alles anders war: Einmal die Spindel selbst, aber auch die Verwendung des Rockens.

(An dieser Stelle eine Bitte: Konkret für das 12. Jhd sind mir lediglich 4 Bilder bekannt, die mit dem Spinnen zu tun haben. Also nicht so besonders viele. Wenn jemand noch mehr hat – bitte her damit!)

Jedenfalls: Die Sache mit dem Rocken hat mich schonmal irritiert. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt gelernt, dass man nur für das Verspinnen von Flachs einen Spinnrocken benötigt, damit die langen Flachsfasern nicht durcheinander geraten. Schafwolle dagegen kann man – wie ich zu dem Zeitpunkt ja auch schon eine ganze Weile selbst praktiziert hatte – problemlos auch 'aus der Hand' spinnen.

Warum also ist da überall ein Rocken? Es kann ja nun nicht sein, dass alle Frauen auf den Bildern Flachs spinnen, oder?

Liegt es vielleicht einfach an der Menge – praktisch ist es natürlich, gleich mehr Wolle bei sich zu haben als man in einer Hand (oder in einem Ärmel) bequem transportieren kann. Aber warum steckt man die Faser dann nicht einfach in eine Schultertasche oder etwas Ähnliches?

Was mich – unabhängig davon - auch schon eine Weile zum Grübeln gebracht hatte, war das, was ich 'das leidige Rockproblem' nenne.

Wenn man im Sitzen mit einer modernen Fallspindel spinnt, fällt die Spindel gerade nach unten. Das ist aber denkbar unpraktisch, wenn man einen Rock trägt.

Man kann dann entweder die Beine spreizen und den Rock irgendwie dazwischen schieben oder man dreht den Oberkörper seitlich und spinnt sozusagen neben den Beinen hinunter. Beide Methoden sind wirklich nicht optimal – die eine ist darstellungstechnisch unanständig und recht unelegant, die andere ist unbequem.

Wie hat man also früher dieses Problem gelöst?


Spindel, Faden und ein paar Antworten

Und dann bin ich auf eine Diskussion auf Facebook gestoßen. Und zwar in einer Gruppe, die sich 'Experimental Archaeology' nennt. Dort wurde über das Spinnen heftig diskutiert. Und zwar – unter anderem – auch über all diese Punkte, die mir auch zu denken gegeben haben.

Ich hätte mir ja denken können, dass ich wohl nicht die Einzige bin. Und es hat mich zu folgendem Blog geführt:
15thcenturyspinning.

Und wie man sieht, ist nicht nur das Spinnzubehör sondern auch die Methode ganz anders als das, was ich bisher kannte. UND sie löst das Rockproblem!

Nun ist ja das 15. Jahrhundert ein gutes Stück weit weg von 'unserer' Zeit. Aber die Spinnmethode schien mir trotzdem plausibel.

Ich war aber unsicher, weil es in der oben erwähnten Diskussion auch eine ganze Menge Gegenstimmen gab. Ich habe also weiter gefragt, und in einer anderen Gruppe war Katrin Kania so nett mir zu antworten und mich auf ihr eigenes Blog zu verweisen, wo sie weitere Gedanken zu dieser Methode des Spinnens festgehalten hat. Der konkrete Eintrag samt Video findet sich hier: a stitch in time - Spinning like "back then".

Jetzt war ich WIRKLICH neugierig. Und habs einfach mal ausprobiert. Und was soll ich sagen – es hat so gut geklappt, dass ich es nie wieder anders machen möchte. Deshalb bin ich wirklich überzeugt davon, dass die Theorie zum historischen Spinnen legitim ist.

Wer bis hierher gelesen hat und einfach nur ausprobieren will, kann das jetzt gerne tun. Es zahlt sich aus und ich wünsche viel Spaß dabei :)


Einfach ist nicht dasselbe wie simpel – Die Ausrüstung

Für alle anderen gehe ich nun ein bisschen tiefer in die Materie.

Die 'Ausrüstung' beim Spinnen besteht also – laut Bildmaterial und Funden- aus einem Spinnrocken und einer Spindel. Die Spindel wiederrum besteht aus dem Spinnstab und dem Spinnwirtel.

Ganz einfach, oder? Ja, eigentlich schon. Aber…


Der Spinnrocken

Der Rocken kann verschieden lang und groß sein. Wie oben erwähnt, kann er mit Hilfe eines Fußes stehen oder zwischen die Knie geklemmt sein, aber auch in den Gürtel gesteckt und/oder unter den Arm geklemmt.

Außerdem ist er immer unverziert. Es gibt aber hin und wieder ein paar funktionelle Modifikationen.  Im nebenstehenden Bild aus dem St. Albans Psalter sieht man, was ich meine.

Das Spinnen bzw. der Rocken steht hier symbolisch für die Arbeit der Frau (wir haben es ja mit der Vertreibung aus dem Paradies zu tun, die auch beinhaltet, dass die Menschen nun für ihr Auskommen arbeiten müssen, was vorher nicht der Fall war.) Interessant dabei ist, dass der Rocken hier nicht nur ein simpler Stab ist, sondern eine Art 'Haltescheibe' besitzt, die das Spinngut wohl am Runterrutschen hindern soll. Da dieses Detail nicht nötig ist um den Rocken als solchen zu erkennen, halte ich es, trotz der stark symbolischen Darstellung, für realistisch.

Die Bänder, die das Spinngut halten, sind auf verschiedenste Weise gewickelt. Sie können überkreuzt sein, spiralförmig, manchmal scheint es sich um parallel laufende Einzelbänder zu handeln oder auch eine Kombination von allem. Manchmal gibt es auch nur ein Band – besonders in Darstellungen aus dem Spätmittelalter findet man diese Variante. Mehr dazu auch weiter unten, wo es um das Binden des Rockens geht.


Der Spinnstab

Der Spinnstab ist doppelkonisch geformt, läuft also, anders als bei modernen Spinndeln, auf beiden Enden spitz zu.

Es gibt Funde von vollständigen Spinnstäben aus dem Fundcomplex von Coppergate in York. Einer davon ist sogar aus dem 12. oder 13. Jhd. Er ist mit einer Länge von ca. 18 cm und einem Durchmesser (an der breitesten Stelle) von etwas weniger als 1 cm in etwa so dimensioniert, wie man es vom Bildmaterial her auch einschätzen würde.

Letztlich hing die Größe aber sicher auch davon ab, wieviel Wolle man auf einen Spinnstab bekommen und welche Qualität an Fäden man spinnen wollte. Für gröbere Fäden wäre der Stab demnach länger gewesen als für feine Fäden. Noch heute finden sich Bestände an Spindeln, die sehr viel größer sind – zum Beispiel eine Spindel aus Rumänien mit einer Länge von 40 cm, anzuschauen hier auf der Webseite der 'Arbeitsgruppe Bekleidung textile Techniken' an der Universität Innsbruck.

Interessant noch bei dem Fund in York: Der Spinnstab hat je eine Einkerbung an jeder Spitze. Dass es zwei solche Kerben gibt, die das Abrutschen des Fadens verhindern sollten, zeigt deutlich, dass der Stab von beiden Seiten verwendet werden konnte. Auf diesem Fund (und den anderen, jüngeren Funden) sind keine Reste von Befestigungsmaterial gefunden worden. Beweise dafür, dass die Wirtel, wenigstens in dieser Gegend, nur aufgesteckt waren.


Spinnwirtel

Spinnwirtel aus Mühlviertler Burgen, 12. Jahrhundert
Spinnwirtel aus Mühlviertler Burgen, datiert auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts.
Quelle: Höllhuber 1981, Tafel VIII

Was die Wirtel angeht, haben wir das große Glück, dass es dazu tatsächlich eine Publikation aus unserer Gegend gibt. Der Artikel 'Spinnwirtel aus dem Fundgut von Mühlviertler Burgen' von Alfred Höllhuber ist zwar schon Anfang der 70er entstanden, aber soweit ich weiß, gibt es nichts Aktuelleres zu dem Thema. Und er bietet, wie gesagt, eine seltene Gelegenheit: Funde aus unserer Gegend UND unserer Zeitstellung.

Aber zunächst ein paar allgemeine Dinge über Spinnwirtel:

Der Wirtel stabilisiert den Spinnstab und fungiert als Gewicht, damit die Spindel sich besser drehen lässt. Ganz ähnlich wie bei einem Kreisel.

Auch an den Wirteln aus dem Mühlviertel hat man keinerlei Hinweise auf Befestigungsmethoden gefunden. Sie waren also auch hier wahrscheinlich nur auf den Spinnstab aufgesteckt. Dabei geholfen hat sicher, dass die Bohrung der Wirtel der Form des Spinnstabes folgt, also leicht konisch und nicht gerade gebohrt ist.

Aus Erfahrung kann ich auf jeden Fall sagen, dass ein Tonwirtel, der fest auf den Spinnstab gesteckt wird, auch problemlos hält.

Apropos Ton und überhaupt Material: Im 12. Jhd sind – wenn man streng von den Funden ausgeht - die Wirtel in unserer Gegend zum allergrößten Teil aus Ton oder Speckstein.

Spinnwirtel aus Mühlviertler Burgen, 12. bis 13. Jahrhundert
Spinnwirtel aus Mühlviertler Burgen, datiert auf die zweite Hälfte des 12. bis erste Hälfte des 13. Jahrhunderts.
Quelle: Höllhuber 1981, Tafel VIII

Man hört des Öfteren, dass Ton ja unpraktisch gewesen wäre, weil sehr leicht zerbrechlich. Aber ich kann bestätigen, dass gerade kleine Tonwirtel eine Menge aushalten. Einer von meinen ist sogar von einem Balkon herunter auf Stein gefallen und war lediglich an einer Stelle ein wenig abgesplittert – was der Funktionstüchtigkeit keinerlei Abbruch getan hat.

Es mag auch Wirtel aus Holz gegeben haben aber dazu gibt es keine, mir bekannten Funde. Es gibt Funde von Wirteln aus Knochen, die aber später eingeordnet werden.

Da recht viel aus Knochen gemacht wurde, könnte man bestimmt argumentieren, dass es auch Spinnwirtel aus Knochen im 12. Jhd. gab, aber dass sie sich eben nicht erhalten haben. Zu bedenken ist auch, aber das ist nur meine Meinung, dass es bestimmt länger dauert, einen Wirtel aus einem Knochen zu schnitzen und zu schleifen als ihn aus etwas Ton zu formen oder aus einem weichen Speckstein zu schneiden.

In Deutschland wie auch in England gibt es quer durch das Mittelalter aber ebenfalls Funde von knöchernen Wirteln.

Laut Goeff Egans "The medieval Household" hat man Spinnwirtel wohl tatsächlich überall aus dem Material gemacht, das grade zur Hand war. In England, zum Beispiel, hat man Spinnwirtel aus allen möglichen Steinarten gefunden (Kalkstein, Sandstein, Speckstein, etc.)

Die Zusammensetzung des Steines lässt darauf schließen, wo der Wirtel hergestellt wurde. Findet man also einen Wirtel aus einem Gestein, das nicht aus der Fundgegend stammt, kann man davon ausgehen, dass er nicht importiert, sondern von seiner Besitzerin dorthin mitgebracht wurde. Man kann also nachvollziehen, woher die ursprüngliche Besitzerin des Wirtels kam.

Meine Spinnwirtel.
Meine Spinnwirtel und zum Größenvergleich ein 2-Eu-Stück. Die fertig gesponnene Wolle ist mit dem 9g-Wirtel entstanden, der jetzt auf dem freien Spinnstab steckt. Die anderen drei wiegen 5 g (der helle), 20 g und 30 g (die beiden dunklen)

Größe und Form sind dagegen relativ einheitlich. Den Wirteln aus dem Mühlviertel ist gemeinsam, dass sie alle recht klein waren. Durchschnittlich etwa 2 Zentimeter im Durchmesser – also weit kleiner als das, was heute in der Spinnerei als Spinnwirtel für Fallspindeln verwendet wird.

Hier in der Gegend waren die Wirtel außerdem im Querschnitt fast immer annähernd kugelförmig oder oben und unten abgeflachte Kugeln. Scheiben, wie sie heute geläufig sind, tauchen zwar in geringer Zahl auf, wurden aber nicht extra als Spinnwirtel hergestellt, sondern aus Gefäßscherben geformt – und auch diese waren sehr klein, lediglich 16 mm im Durchmesser. Wobei es – international gesehen – schon Unterschiede in Form, Größe und Gewicht der Spinnwirtel gibt.

Katrin Kania hat ihn ihrem "Spinning Experiment" bewiesen, dass das Gewicht der Spindel nichts mit der Dicke des Fadens zu tun hat. Die ist lediglich vom Verwendungszweck und dem Können des Spinners abhängig. In dem gleichnamigen Artikel zum Experiment heißt es weiter, dass der Grund für die Unterschiede in den Spindeln wohl eher beim Verwendungszweck des fertigen Fadens bzw. in der bevorzugten Auszugsgeschwindigkeit und dem gewünschten Drall liegt.


Keine Spinnwirtel

Auffällig ist sicher, dass auf den Bildern sehr oft auch gar kein Wirtel zu sehen ist. Es gibt dazu laut Höllhuber zwei Theorien:

  1. Der Wirtel wurde nur zum Anspinnen benutzt und abgezogen sobald genug Garn auf dem Spinnstab war. Auf diese Weise passt mehr Garn auf den Spinnstab.
  2. Der fertige Faden wurde um den Wirtel herum gewickelt, so dass er eben ab einer bestimmten Menge nicht mehr zu sehen ist.

Ich persönlich ziehe den Wirtel ab, wenn der Spinnstab mit der Wolle schwer bzw. breit genug ist um auch ohne Wirtel sauber zu drehen.

Auf dem Bild links sieht man eine seltene Darstellung, auf der das Garn vom Spinnstab abgenommen wird. Auch da sieht man keinen Wirtel. (Interessanterweise wird direkt in ein Knäuel gewickelt statt zuerst auf eine Haspel.)


Das Spinngut

Der Vollständigkeit halber ein kurzes Wort zum Spinngut – wobei ich hier nicht auf genaue Details wie Schafrassen oder die Verarbeitungsmethoden von Flachs oder Wolle eingehen möchte. Das würde hier dann doch zu weit führen.

Versponnen wurde jedenfalls hauptsächlich Schafwolle oder Flachs. Es gibt aber auch einige Hinweise auf anderes Tierhaar, wie zum Beispiel Ziege oder Rind. Die daraus entstandenen Garne wurden für grobe Stoffe, wie für Säcke oder als Schutzmaterial für Waren verwendet. Und auch für härene ('hären' komm von 'Haar') Gewänder – also jene kratzenden, unbequemen Kleidungsstücke, die man als Zeichen der Buße tragen konnte.

Dazu kommen Pflanzenfasern wie Hanf und Nessel, die ebenfalls für gröbere Gewebe verwendet wurden.

Und hier ist meine derzeitige Spinnausrüstung:
Christas Ausrüstung zum Spinnen nach historischem Vorbild

In diesem Fall ist der Spinnrocken aus einem Buchenschößling (getrocknet, entrindet, geschliffen, mehrfach mit Leinöl eingelassen). Das Band ist aus ungebleichtem Leinen mit pflanzengefärbter Wolle bestickt. Das Motiv ist aus dem Fecamp-Psalter, wobei man solche einfachen Ornamente sehr oft findet.

Die Spindel ist von Katrin Kania, wobei der Spinnwirtel schon abgezogen ist. Es war aber ein ca. 9 g schwerer Tonwirtel (siehe obiges Bild von den Spinnwirteln).

Bei diesem Bild auch noch zu beachten: Das Spinnmaterial ist zwar vom Bergschaf – also eine alte Rasse, aber die Wolle ist kardiert. Kardieren war zu unserer Darstellungszeit - nach den derzeit vorherrschenden Theorien - noch nicht üblich. Man hat die Wolle lediglich gekämmt. (Die Kardendistel eignet sich dafür nicht und wurde lediglich zur weiteren Bearbeitung des fertigen Wollstoffes verwendet). Es bleibt mir also noch die Aufgabe das Binden des Rockens mit handgekämmter Wolle zu versuchen und zu sehen, ob ich dann meine Binde-Methode noch einmal ändern muss.

Zunächst habe ich das Binden des Rockens nämlich mit der von Katrin empfohlenen Methode versucht – sie arbeitet mit nur einem breiten Band, in das die Fasern sozusagen eingewickelt werden. Diese Darstellung von einem 'kurzen' Rocken findet man im Spätmittelalter häufig.

Mir waren die Fasern aber mit dieser Methode etwas zu locker und zu leichtgängig im Auszug. Daher hab ich es dann mit der oben gezeigten Bindung versucht, die sich für mich persönlich als angenehmer erwiesen hat – ich mag es, wenn mir die Fasern beim Ausziehen etwas mehr Widerstand bieten. Der Rocken hat oben eine kleine Astgabel, in der das Band eingehängt ist, damit es nicht wegrutschen kann. Auch hier wird aber jeder seine eigenen, bevorzugten Methoden finden. (Hier ist der Schritt-für-Schritt-Eintrag aus Katrins Blog zu dem Thema: a stitch in time - How I dress my distaff.)


Übung und Fingerspitzengefühl – Die Methode

Und damit kommen wir auch zur Methode des historischen Spinnens an sich.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal kurz auf die beiden Inspirations-Blogs von Cathelina di Alessandri (15 century spinning) und das von Katrin Kania zurück kommen.

Wenn es um die exakte Spinnmethode geht, muss man nämlich erwähnen, dass Cathelina di Allessandri eine etwas andere Methode verwendet als Katrin Kania. Cathelina behält die Spindel die ganze Zeit in der Hand ("in-hand-spinning") während Katrin sie am Faden hängen lässt ("suspended spinning").

Ich habe beide Methoden ausprobiert und fühle mich mit der Methode von Katrin wohler.

Penelope Walter Rogers meint in "Textile Production at 16-22 Coppergate", dass die Methode, bei der die Spindel in der Hand bleibt, am Ehesten für sehr feines Leinengarn verwendet worden ist, weil auf diese Weise gar kein Zug auf den Faden ausgeübt wird.

Die genaue Spinnmethode könnte also tatsächlich auch vom letztlichen Verwendungszweck des Fadens bzw. vom Spinngut bestimmt worden sein. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man mit der Suspended-Methode auf jeden Fall sehr feine Wollfäden spinnen kann.

Ich habe mich dazu entschlossen, hier ein paar Bilder zur Veranschaulichung einzufügen. Denn auch wenn in den obigen Videos bereits viel gezeigt wird, fehlen doch ein paar Details.

Ich möchte aber darauf hinweisen, dass diese Details wie die Handhaltung etc. ganz sicher bei jeder Spinnerin etwas anders aussehen. Spinnen ist eine sehr taktile Angelegenheit, bei der jeder seine eigenen, bevorzugten Abläufe entdecken muss. Diese Fotos sind also keine strikten Anweisungen, sondern lediglich Vorschläge und vielleicht eine Hilfe beim Anfangen.

Mein Rocken ist durch den Gürtel gesteckt und ich stabilisiere ihn mit dem Arm.

Handhaltung beim Ausziehen der Fasern aus dem Spinnrocken

Die linke (bzw. nicht dominante) Hand ist für das Ausziehen zuständig. Das bedeutet, dass man aus dem festgebunden Faserbündel behutsam einzelne oder mehrere Fasern zupft, die dann versponnen werden. Ich verwende gern den Mittel- und Ringfinger um den Drall zu kontrollieren.

Fadenverlauf und Befestigung des Fadens an der Spindel

Die rechte Hand führt und dreht die Spindel wie einen Kreisel. Der Faden ist am oberen Ende der Spindel mit einem halben Schlag (also einem 'halben Knoten') befestig. Man kann auch eine kleine Kerbe in den Stab machen, wenn man möchte.

Wie man sieht, lasse ich den Faden über meinen Zeigefinger laufen – das ist für mich die bequemste Haltung.

Körperhaltung beim Spinnen mit dem Spinnrocken

Während der Faden länger wird, führt man die Spindel horizontal (bzw. leicht schräg) vor dem Körper vorbei.

Die Fasern verdrillen sich zwischen den beiden Händen miteinander und formen den gesponnenen Faden.

Aufwickeln des Fadens auf die Ausziehhand

Vor dem Aufwickeln des Fadens auf die Spindel, wickle ich den Faden auf der linken Hand auf, damit der Faden in Spannung gehalten wird – andernfalls verdrillt sich der Faden mit sich selbst und könnte verknoten.

Position der Spindel an der Hand

Ich halte die Spindel gern dicht an der Hand und wickle auf, bevor sie zu tief hinunter fällt. Ich finde es mühsam die Spindel anzutreiben oder sie aufzuwickeln, wenn sie zu tief hängt.

Und jetzt sieht man auch, warum man für diese Methode unbedingt einen Rocken braucht: Da die eine Hand mit dem Ausziehen und die andere mit dem Drehen beschäftigt ist, bleibt keine Hand zum Halten des Spinngutes. (Im Gegensatz zum modernen Spinnen, wo die linke Hand das Spinngut nur hält während die Rechte auszieht UND dreht.)

Zum Vergleich Darstellungen des Spinnens und von Spinnausrüstung im 12. Jhd (wobei sich, wie oben erwähnt, ähnliche Darstellungen durch das ganze Mittelalter ziehen):

Hier, auf dem Bild der spinnenden Eva aus dem Hunterian Psalter, kann man sehr schön sehen, was die Methode von der Darstellerseite her so plausibel macht:

Rocken (in diesem Fall zwischen die Knie geklemmt), der Faden führt vom Rocken zur Spindel, die Spindel ist knapp bei der Hand. Und man sieht ebenso schön den doppelkonischen Spinnstab und das Fehlen eines Wirtels. Außerdem ein Rocken, der anscheinend so gebunden ist, dass die Fasern unten 'herausstehen'. Das kann Flachs andeuten (dort werden die Fasern entlang des Rockens gelegt), oder eine Variation von Katrins Rocken-Binde-Methode - oder es ist einfach künstlerische Freiheit.

 

Spinnende Frau mit Spinnrocken und Spindel ohne Wirtel (um 1180)
Stehende spinnende Frau aus dem Fécamp Psalter (ca. 1180), ebenfalls mit Spinnrocken und einer Spindel ohne Wirtel.
Quelle: Wikimedia Commons

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Fecamp Psalter (rechts) findet man eine ganz ähnliche Haltung, auch wenn die Spinnerin steht. Der Rocken ist unter den Arm geklemmt und steckt evtl. auch im Gürtel (letzteres sieht man in späteren Darstellungen deutlicher und es ist einfach praktisch ). Die Spindel - wieder ohne Wirtel - fällt tiefer hinunter. Ob das nun damit zu tun hat, dass die Spinnerin in dieser Haltung mehr Platz nach unten hat oder ob das ebenfalls der Kunst geschuldet ist, kann man sicher diskutieren.

 

Mein nächstes Projekt in dieser Richtung beschäftigt sich mit dem Verspinnen von Flachs.

Und schließlich bleibt die Frage: Spinnen von Seide – unterstützte Spindel oder nicht? Es bleibt also spannend :)


Literatur und Bildmaterial:

  • Blog von Cathelina di Alessandri "15th century spinning"
  • Blog von Katrin Kania: "A Stitch in Time"
  • Egan, Geoff "The Medieval Household. Daily Living c. 1150 – 1450", Boydell Press, 2010
  • Höllhuber, Alfred "Spinnwirtel aus dem Fundgut von Mühlviertler Burgen". In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines Bd. 126/1 (1981); Download unter www.biologiezentrum.at
  • IMAREAL – Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit, Universität Salzburg
  • Kania, Katrin "Kleidung im Mittelalter – Materialien-Konstruktion-Nähtechnik – Ein Handbuch" Böhlau Verlag, 2010
  • Kania, Katrin "The Spinning Experiment" in: "Ancient Textiles, Modern Science – Re-creating Techniques through Experiment", Heather Hopkings (Hrsg.), Oxbow Books, Oxford, 2013
  • Medieval and Renaissance Material Culture – Linkspage at Larsdatter.com
  • Ottaway, Patrick, Nicola Rogers "Craft, Industry and Everyday Life: Finds from Medieval York." The Archaeology of York – The Small Finds 17/15, Published for the York Archaeology Trust by the Council for British Archaeology, 2002
  • Ottich, Indra "Ein Buch von alten Fasern", Eigenverlag, 2006
  • Universität Innsbruck "Kleine Spindeltypologie oder Die Menschen spinnen – weltweit"
  • Walton Rogers, Penelope "Textile Production at 16-22 Coppergate" The Archaeology of York – Volume 17: The Small Finds, Council of British Archaeology, York, 1997
  • Wikimedia Commons


Christa Schwab, 16.11.2014

 

Borte (Seitenabschluß)