Broschieren

Broschierte Borten sind in der 2. Hälfte des 12. Jhds neben der Stickerei die beliebteste Art, Kleidung zu verzieren. Sie werden außerdem als Gürtel oder Bänder genutzt. Sie sind die einzigen Brettchenborten, die in unserer Darstellungszeit noch verwendet werden.

Die belegbaren Materialien sind vor Allem Seide und Gold- oder Silberlahn. Dabei bildet die Seide immer das Grundgewebe, Seide oder Metallfäden den Musterschuss. Da man beim Broschieren beim Musterfaden verhältnismäßig wenig Materialverbrauch hat, bietet sich die Technik für teure Metallfäden an.


Was ist eine broschierte Borte?

Eine broschierte Borte hat eine einfarbige Brettchenborte als Untergrund und mindestens einen zusätzlichen Schussfaden, der das Muster bildet.


Material

Broschieren kann man theoretisch mit allen möglichen Garnen. Sie dürfen allerdings nicht zu dick sein, weil die Broschur sonst nicht mehr ordentlich deckt bzw. weil die Borte dann zu dick wird. Seide ist zum Broschieren ideal.

Das Muster wird besser sichtbar, wenn der Musterfaden dicker ist als die Fäden des Grundgewebes, weil die Fäden dann leichter überdeckt werden.

Dazu kann man entweder einen dickeren Musterfaden wählen oder den Faden mehrfach nehmen. Für mich und meine Seide hat sich ein doppelter Musterfaden bewährt.


Muster

Die Broschiermuster werden genau wie Kreuzstichmuster dargestellt. Also so, wie in nebenstehender Abbildung im linken Bild.

Man arbeitet ein Broschiermuster von unten nach oben ab. Die farbigen Felder zeigen dabei die Musterbrettchen in jeder Reihe.

Der Musterfaden wird über alle Kettfäden der jeweiligen Musterbrettchen gelegt und wird so an der Oberseite der Borte sichtbar.

Dieses Beispielmuster ist fortlaufend aber es ist so ziemlich jedes Muster möglich, wie zum Beispiel Tiere, Blumen oder auch Buchstaben. Auch verschiedene Farben in der Broschur sind machbar, dann muss natürlich mit mehreren Schussfäden gearbeitet werden.

Zu bedenken ist bei der Auswahl des Musters (neben offensichtlichen Dingen wie der Breite der Borte) vor Allem, dass die Musterfäden nicht über zu lange Strecken flottieren dürfen. Notfalls muss man eine Unterbrechung in das Muster einbauen.

Über wie viele Fäden ein Flottieren möglich ist, hängt vor Allem von der Dicke des Garns ab, aber auch von der späteren Verwendung der broschierten Borte. Borten am Ärmel einer Gewandung sind sicher anfälliger dafür, mit einem losen Faden hängen zu bleiben, als z. B. eine Brettchenborte am Saum eines Mantels.


Webtechnik beim Grundgewebe

Für das Grundgewebe beim Broschieren gibt es diverse Techniken. Beim Gürtel Philips von Schwaben, zum Beispiel, wurde ein Strukturmuster als Grundlage verwendet. Also ein einfärbiges Muster, das sich durch die beim Weben entstehende Struktur bildet. Meinem Wissensstand nach wäre aber auch eine Schnurbindung möglich. Ich möchte hier aber darauf hinweisen, dass ich bei den verwendeten Grundgeweben, gerade für das 12. Jahrhundert noch weiter recherchieren muss.

Weitere Informationen dazu finden sich auch auf der Seite von Aisling, die als Expertin für das Brettchenweben an sich, noch einige Details zum Strukturmuster und in weiterer Folge auch zu einer Vorlage für den Gürtel Philips von Schwaben zu bieten hat.

Weil die Schnurbindung eine einfache Technik ist, ist sie zum Lernen des Broschierens aber recht gut geeignet.


Schärung der Brettchen

Üblich ist eine abwechselnde S- und Z-Schärung, damit sich das Band nicht verdreht.

Es ist ratsam mindestens 2 Randbrettchen zusätzlich zum Muster zu setzen. Abgesehen von der schöneren Optik stabilisieren sie die Borte und man sieht den Musterschussfaden am Rand nicht mehr.

Für gewöhnlich schärt man die Brettchen einfärbig.

Wenn man noch mehr Spielraum für Farben haben möchte, kann man aber auch ein Doubleface aufziehen. Auf diese Weise kann die Grundfarbe der Borte gewechselt werden. Auch das Doubleface gehört als Technik aber nicht ins Mittelalter, sondern frühestens ins 19. Jahrhundert.


Drehintervall

Man dreht immer in dieselbe Richtung, bis die Kettspannung zu hoch ist bzw. die Kettfäden zu stark verdrillt sind und man die Richtung wechseln muss.

Wenn Muster innerhalb des Grundgewebes gewünscht sind, kann bzw muss die Drehrichtung öfter gewechselt werden, besonders natürlich bei der Arbeit mit Doubleface.


Beispielborte

Mein Beispiel für eine broschierte Borte ist ein simples Muster mit nur 5 Brettchen + 2 x 2 Randbrettchen (Musterbrief und Fadenverlauf siehe die Bilder oben). Das Prinzip funktioniert bei einer breiteren Borte aber genauso. Es ist aber gerade bei diesem Beispiel schön zu sehen, dass man auch mit kleinen, zarten Mustern schon sehr nette Effekte erzielen kann.

Das hier von mir gezeigte Muster ist nicht mittelalterlich sondern ist aus einem Siebenbürgischen Stickmuster, wahrscheinlich aus dem 19. Jhd, entnommen.

Das verwendete Material ist Seide mit einer Lauflänge von 1100 m auf 100 g.


Der Webvorgang

Ich beschreibe den Ablauf des Webens für eine Reihe und beginne, nachdem der letzte Schussfaden der vorhergehenden Reihe angeschlagen worden ist.

1 Vierteldrehung aller Brettchen.
2 Grundfaden schießen.
Der Grundfaden kommt IMMER vor dem Musterfaden. Dadurch liegt er in jedem neuen Fach automatisch unter dem Musterfaden und die Deckung ist besser.
3 Anschlagen.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 3
4 Musterbrettchen abzählen und aus dem Brettchenpaket schieben.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
5

Einen Finger oder Einlegeholz in das entstandene Fach schieben.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
Ich persönlich verwende die Finger, auch wenn bei Seidenwebe oft davon abgeraten wird. Aber ich mag das Gefühl, das Material zu spüren.

Ein Einlegestab ist natürlich ebenfalls eine Möglichkeit. Allerdings ist das dann NOCH ein Ding, das ich herumliegen hätte und mir reichen normalerweise schon die Schiffchen, die durch die Gegend kullern, wenn ich nicht vorsichtig bin. Bei sehr breiten Borten liegt die Sache noch einmal anders - da ist ein Einlegeholz sicher nützlich.

6 Musterbrettchen 2 x nach vorne drehen.
Das Fach für den Musterschuss entsteht.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
7 Finger oder Einlegeholz zwischen die oberen Kettfäden und gekreuzte Fäden der Musterbrettchen schieben.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
8 Musterbrettchen 2 x zurück drehen
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
9 Die der Schussrichtung gegenüberliegenden Randbrettchen anheben und Finger oder Einlegeholz unter alle Kettfäden der Randbrettchen schieben.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
Die Borte wird gerade am Rand sehr viel schöner und auch stabiler, wenn man den Musterfaden nicht über den Rand führt. Das erreicht man dadurch, dass man den Schussfaden jeweils noch vor den Randbrettchen nach unten durchzieht.
10 Musterfaden schießen
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
11 Musterfach loslassen
12 Musterbrettchen zurück schieben (außer natürlich, das Muster wiederholt sich in der nächsten Reihe)
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
13 NICHT anschlagen!
Den Musterfaden jetzt schon anzuschlagen würde wenig bringen, weil er einfach wieder davon rutscht. Es ist besser zu warten, bis das nächste Fach geöffnet und der nächste Schussfaden gelegt ist.
14 Vierteldrehung aller Brettchen.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
15 Grundfaden schießen.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
16

Anschlagen.
Muster- und Schussfaden werden gemeinsam angeschlagen, weil der neue Schussfaden bzw. das neue Fach den Musterfaden besser an Ort und Stelle hält.

Beim Anschlagen muss man darauf achten, fest anzuschlagen, damit das Muster schön dicht wird.

Beim Broschieren muss die Kettspannung eher locker gehalten werden, damit der Musterschuss sich besser über den Grundschuss legen kann und damit das Muster deutlicher wird.

17 Muster- und Grundfaden bei Bedarf noch etwas straffer ziehen.
Weben einer Reihe - Bild nach Schritt 4
Die Kettspannung kann beim Broschieren nicht dabei helfen, die Schussfäden gleich stark gespannt zu halten. Man muss also bei jedem Schuss besonders darauf achten. Andernfalls wird die Borte unregelmäßig und verzieht sich.
18 Ab Schritt 4 wiederholen.


Erklärungen

Ergänzung zu den Schritten 5 bis 8:

Die von mir beschriebene Technik zum Bilden des Musterfaches habe ich mir bei Michael Cook abgeschaut:
weavezine.com: Tablet-Woven Brocade (in Englisch)

Es gibt auf der Seite auch ein sehr gutes Video zum Thema. Das ist zwar ebenfalls auf Englisch, aber das Wichtigste kriegt man auch so mit.

Der Vorteil dieser Technik liegt auf der Hand: Das Musterfach wird sehr sauber geöffnet und solange man richtig gezählt hat, kommt es kaum zu Fehlern. Gerade weil die Kettspannung beim Broschieren so niedrig sein muss, finde ich diese Art das Fach zu öffnen sehr praktikabel. Außerdem fällt es mir persönlich mit dieser Methode leichter den Überblick zu behalten.

Trotzdem hier noch die anderen Methoden, die ich so gefunden habe:

Variante 1
Musterbrettchen abzählen, aus dem Brettchenpaket schieben, die Brettchen gemeinsam nach unten drücken oder ziehen bis über den oberen Kettfäden ein benutzbares Fach entsteht

Variante 2
Musterbrettchen abzählen, aus dem Brettchenpaket schieben, die Brettchen 1/8 Drehung drehen, Musterfaden im entstehenden Fach einlegen, die restlichen 1/8 Drehung machen, um das Grundgewebe herzustellen, für die restlichen Brettchen ¼ Drehung für das Grundgewebe.

Diese Methoden sind für geübte Broschur-Weber wahrscheinlich schneller zu realisieren als die, die ich verwende. Letztlich ist es – wie immer – Geschmackssache.

Die nächste Herausforderung ist dann das Broschieren nach einer historisch passenden Vorlage. Man lernt (zum Glück) nie aus.


Christa Schwab

 

Borte (Seitenabschluß)