Brettchenweben

Eines vorab: ich bin absolut keine Expertin, was das Brettchenweben angeht. Ich habe mich mit den Grundlagen auseinander gesetzt, habe – wie wohl fast alle Anfänger – Einzugsmuster gewebt und ich broschiere. Aber ich habe inzwischen auch festgestellt, dass das Weben nicht so ganz meins ist. Was Verzierungen angeht, ist mir das Sticken in den meisten Fällen lieber.

Trotzdem möchte ich hier wenigstens ein paar Grundinformationen vermitteln und vor Allem über meine eigenen Erfahrungen schreiben.

Zu den Begriffserklärungen und diversen Techniken des Brettchenwebens empfehle ich die Seite von Aisling, Aislings Welt.

Ich glaube, es gibt keine Technik, die Aisling nicht kennt und beherrscht. Außerdem stellt sie Reproduktionen von Funden aus allen möglichen Zeiten und Gegenden her. Die Informationen dort sind also fundiert und hervorragend recherchiert.

Wer sich langsam an das Brettchenweben herantasten möchte, kann auch gut auf die Seite von Flinkhand zurückgreifen. Die bevorzugte Anfängertechnik – das Einzugsmuster – ist historisch zwar nicht nachweisbar, ist aber sehr geeignet um sich mit den Grundlagen der Handarbeit vertraut zu machen: Flinkhand - Brettchenweben


Historisches

Brettchengewebte Borten findet man im 12. Jahrhundert recht häufig. Sie waren eine beliebte Verzierung – sowohl aufgenäht als auch direkt an eine Stoffbahn angewebt. Außerdem wurden sie als Gürtel oder Schapeln verwendet.

Zu der Zeit findet man vor Allem broschierte Borten, die auf einem einfarbigen Grundgewebe beruhen, das in sich strukturiert sein kann (zum Beispiel Köpertechnik). Aus früheren Zeiten und anderen Gegenden gibt es aber noch eine ganze Reihe an anderen Techniken.


Die Technik des Brettchenwebens

Gewebt wird mit der Hilfe von gelochten Webbrettchen, durch deren Löcher die Kettfäden laufen. Die Brettchen werden in verschiedenen Kombinationen und in einem bestimmten Rhythmus vor- und zurückgedreht, wodurch sich die Kettfäden verdrillen.

Bei jeder Drehbewegung kommt ein anderer Kettfaden nach oben, wodurch dann (bei verschiedenfarbigen Fäden) das Muster bzw. die gewünschte Struktur entsteht. Der Grund-Schussfaden bleibt bei dieser Webmethode fast völlig unsichtbar und dient lediglich zur Stabilisierung des Gewebes. Beim Broschieren gibt es zusätzlich zum Grund-Schussfaden noch einen Muster-Schussfaden (siehe Artikel zum Broschieren), der dann sichtbar bleibt.

Weil die Breite des Gewebes von der Anzahl der Brettchen bzw. von deren Platzbedarf abhängt, eignet sich das Brettchenweben ausschließlich für die Produktion von Borten und Bändern.

Mehrere Zentimeter breite Borten verlangen (je nach Dicke des verwebten Materials) bereits 30 - 60 Brettchen. Webt man mit feiner Seide kann man bis zu 100 Brettchen und mehr benötigen.


Die Webstühle

Zunächst einmal braucht man natürlich das Werkzeug zum Weben.

Die einfachste Methode ist wohl, das eine Ende des Kettfadens an einen Gürtel zu knüpfen und das andere an irgendeinen feststehenden Gegenstand. Möglicherweise ist das auch die älteste Methode.

Nüchtern betrachtet hat die Methode sowohl Vor- als auch Nachteile.

Der größte Vorteil ist wohl, dass das Zubehör leicht verstaut und transportiert werden kann.

Andererseits verheddert sich die Kette leichter und eine gleichmäßige Kettspannung ist schwer zu halten. Außerdem finde ich persönlich diese Methode auch sehr anstrengend für den Rücken.

Auf historischen Abbildungen (vor Allem aus dem Spätmittelalter und der Frührennainance) findet man immer wieder feststehende Bortenwebstühle. Sie bestehen aus zwei Pfosten mit einer oder zwei stabilisierenden Latten dazwischen, um die die Kette gespannt wird.

Die Weberin saß dabei seitlich zur Borte, nicht davor, wie das bei modernen Brettchenwebrahmen der Fall ist. Ein Webkamm diente oft als Abstandhalter, damit sich die Kettfäden nicht verheddern.

Laut dem Artikel von Viktoria Holmqvist "The use of craft skills in historical textile research: some examples drawn from a study of Medieval tablet weaving"  in "Ancient Textiles - Modern Science" ist es sehr wahrscheinlich, dass die Brettchen dabei auch nicht aufrecht gestanden sind sondern aufeinander gelegen haben. Das hat den Vorteil, dass die Brettchen weniger leicht davonrutschen und sich bei 'halben' Fächern, die man für manche Techniken braucht, besser halten.

So ein Webrahmen ist etwas, das ich auch irgendwann einmal haben möchte, weil es schön wäre, das Weben so vorführen zu können, wie es auch belegbar ist. Wobei ich hier darauf hinweisen möchte, dass die Bilder, die uns zur Verfügung stehen, fast ausschließlich aus dem Spätmittelalter stammen – also weit nach unserer Zeit.  Aber es gibt einen Fund eines Brettchenwebstuhls aus dem Oseberg Schiff, der fast genau so aussieht wie die Bilder aus dem Spätmittelalter.

Der neue, im Eigenbau entstandene Webrahmen
Der neue, im Eigenbau entstandene Webrahmen aus Hartholz und mit vorne liegender Spannvorrichtung.

Ich lasse daher die sehr vorsichtige Annahme zu, dass das Werkzeug zu unserer Zeit zumindest ähnlich gewesen ist. Aus unserer Darstellungszeit sind mir nämlich keine Bilder oder Funde bekannt. Aber die Darstellungen alltäglicher Arbeit (vor Allem Frauenarbeit) sind zu der Zeit ohnehin sehr spärlich.

Interessanterweise gibt es auch Nachweise für kleine, tisch- bzw. schoßtaugliche Webrahmen. Vielleicht wäre so etwas auch mal ein Projekt.

Im Blog von Victoria Holmqvist (Arachne's Blog) finden sich einige ausgewählte Beispiele für beide Arten von Brettchenwebstühlen: Arachne's Blog - Planning a Portable Loom for Tablet Weaving

Zuhause arbeite ich am Liebsten an einem modernen Brettchenwebrahmen, der auf dem nebenstehenden Foto zu sehen ist.

Für diesen Webrahmen haben wir eine Bauanleitung veröffentlicht. Dieser Brettchenwebrahmen ist absichtlich ambientetauglich gehalten, eignet sich aber natürlich nicht für die korrekte historische Darstellung.


Die Garne

Ich habe – wie wohl alle, die dieses Hobby betreiben – mit ganz normalem Häkelgarn aus Baumwolle begonnen. Weil meine Garnknäuel Überbleibsel aus einem Abverkauf waren, kann man die Farben nur als ... abenteuerlich bezeichnen. Aber zum Ausprobieren hats gereicht. Auch wenn bei mir Zuhause jetzt ein Band liegt, das aussieht als könnte man damit Baustellen absperren ...

Baumwoll-Häkelgarn lässt sich sehr gut verweben. Es ist glatt, weich, elastisch genug um so manchen Fehler zu vergeben und vor Allem nicht teuer. Für Anfänger und zum Herumprobieren ohne Zweifel das beste Material. Auch wenn man nicht gerade für mittelalterliche Bedürfnisse produziert, ist Baumwolle die beste Wahl. Hundeleinen, Taschenriemen, Pferdehalfter, Gitarrenbänder – alles mit Baumwolle extrem haltbar und reißfest herzustellen.

Will man aber Borten produzieren, die man auch mit gutem Gewissen auf Gewandung tragen kann muss man auf die damals üblichen Garne zurückgreifen – also auf Wolle, Leinen oder Seide.

Aus dem 12. Jahrhundert sind die paar erhaltenen Borten aus Seide. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass sich aus dieser Zeit fast ausschließlich Prunkgewänder erhalten haben.

Ich gehe davon aus, dass man auch mit allen anderen, erhältlichen Garnen gearbeitet hat. Interessant wäre für mich auch, ob man Borten zu 'unserer' Zeit auch für andere Zwecke als für Dekoration verwendet hat. Denn brettchengewebte Borten sind nun einmal eine wirklich vielfältig einsetzbare Sache, wo immer man reißfeste, haltbare Bänder benötigt.

Aber zurück zu den Garnen. Ich habe bisher mit allen drei klassischen Garnsorten gearbeitet.

Wolle ist wunderbar elastisch und verwebt sich sehr schön, wie ich finde. Manche Weber arbeiten ungern mit Wolle, weil die Kette durch die Fasern leicht etwas 'klebt' und das Fach sich dadurch unter Umständen nicht sauber öffnet. Ich persönlich finde das aber nicht wirklich störend. Wenn die Kettspannung stimmt und man nicht gerade mit extrem fusseligem Garn arbeitet, überwiegen die Vorteile diesen kleinen Nachteil bei Weitem. Möchte man mit historisch korrektem Garn arbeiten, erübrigt sich dieses Problem ohnehin von selbst, weil solches Garn üblicherweise sehr viel stärker verzwirnt war als das heute üblich ist und daher wenig fasert. Das Schöne an Wolle ist auch, dass man mit etwas dickerem Garn auch recht rasch voran kommt – praktisch, wenn man verhältnismäßig schnell eine Verzierung braucht. (Das wird dann aber auch gröber als mit feinem Garn – hier also darauf achten, wofür man die Borte produziert!)

Leinengarn ist gar nicht elastisch. Es ist im Vergleich zur Wolle eher steif und will sehr sorgfältig geschärt werden, damit die Kettfäden alle dieselbe Spannung haben. ABER es macht ein sehr schönes, klares Webbild und die entstehenden Borten sind fest und haben einen wunderbaren 'Stand'. Außerdem ist Leinen haltbarer als Wolle, verfilzt beim Tragen nicht und behält seine schöne Struktur länger.


Kleiner Exkurs zum Thema Seide:

Keine Angst, ich fasse mich kurz.

Also: Seide gibt es in verschiedenen Qualitätsstufen. Ich werde nur zwei nennen, weil das die sind, die für mich bisher wichtig waren:

Realseide ist das, was wir als 'echte Seide' kennen. Sie ist extrem fein mit hauchzarten Fasern und einem unverkennbaren Glanz. Man nennt sie auch Maulbeerseide oder Haspelseide.

Schappseide besteht aus jenen Seidenfäden, die der Seidenspinner um den Mittelteil des Kokons gesponnen hat. Sie ist etwas dicker, hat weniger zarte Fasern und daher auch weniger Glanz.

Realseide ist wunderschön, hat aber einen großen Nachteil: die feinen Fasern bleiben an wirklich allem hängen und fasern dann aus, was dem fertigen Gewebe den Glanz nimmt. Es reicht, beim Weben etwas raue Hände zu haben und schon hat man ein Problem. Manche mittelalterlichen Mitstreiterinnen weben Realseide daher mit Handschuhen oder cremen sich jedes Mal vor dem Weben die Hände ein.

Ich selbst habe mit Realseide noch nicht gewebt, verwende das Garn aber zum Sticken und es stimmt schon: man sollte möglichst glatte Hände haben. Am Garn hängen zu bleiben ist nicht so lustig. Letztlich ist aber – nach meinem momentanen Wissensstand - Realseide die historisch korrekte Variante, weshalb ich wohl auch beim Weben in absehbarer Zeit darauf umsteigen werde.

Aber Schappseide, die hatte ich schon auf dem Webrahmen. Das Weben damit macht großen Spaß. Sie ist überraschend elastisch und sehr reißfest. Seidenborten haben wegen des feinen Garns sehr klare Muster, was sie besonders für Doublefaces, Broschuren und andere Bildwebereien geeignet macht.


Die Brettchen

Ein historischer Bortenwebrahmen (15. Jahrhundert)
Ein historischer Bortenwebrahmen (15. Jahrhundert).
Quelle: Wikimedia Commons

Die gängigsten Webbrettchen sind quadratisch und haben vier Löcher. Es gibt auch quadratische mit sechs Löchern oder sechseckige. Auch muss man nicht immer alle Löcher verwenden. Es gibt Techniken, bei denen ein oder mehrere Löcher an einem Brettchen frei bleiben.

Webbrettchen müssen einige Bedingungen erfüllen: Sie müssen möglichst gleich groß sein, mit regelmäßigen Löchern. Sie dürfen nicht zu dick sein und keine scharfen oder rauen Kanten haben. Die Größe sollte bei 4 – 6 cm Kantenlänge liegen, damit man sie mit den Händen gut umfassen kann.

Ich habe bisher Papp- Metall- und Holzbrettchen verwendet, würde aber gerne auch noch irgendwann mit Horn- oder Pergamentbrettchen arbeiten. Auch aus Rohhaut (was ja im Prinzip Pergament ist, nur dicker) kann man Webbrettchen machen.

Vielleicht bleibt beim Schildbau unserer Herren ja einmal ein Stückchen übrig und ich kann mir selbst Brettchen aus Rohhaut bauen.

Pappbrettchen (zumindest die, mit denen ich bisher gearbeitet habe) eignen sich nicht für das Weben mit Seide, weil Seidenfäden unter hoher Kettspannung die Pappe innerhalb kürzester Zeit zerschneiden, aber für jedes andere Material sind Pappbrettchen bestens geeignet.

Die Metallbrettchen sind relativ schwer und auch (im Vergleich zu Pappbrettchen) recht dick. Das bedeutet, dass man für ein sauberes Fach eine hohe Kettspannung braucht und dass die Menge der Brettchen, die man auf den Webrahmen bekommt, begrenzt ist. Dafür drehen sie besonders flüssig. Natürlich sind diese Brettchen nicht historisch korrekt.

Die Holzbrettchen verwende ich eigentlich am Liebsten. Sie sind leicht UND glatt. also eine Kombination aus den beiden anderen. UND sie sind nachweisbar. Mein derzeitiges Set ist aus Kirschholz und ich werde mir in absehbarer Zeit ein weiteres Set aus einer anderen Holzart zulegen.


Die Techniken

Zu den verschiedenen Techniken möchte ich wieder auf Aisling verweisen. Nur so viel: es gibt welche aus vielen Zeitabschnitten und von vielen Völkern, aus der Antike und dem Mittelalter, von den Wikingern, den Slaven und den Finnen, mit Mustern aus vielen Kulturkreisen und dazugehörigen Bedeutungen.

Aber eines möchte ich hier teilen: Randbrettchen sind eine tolle Sache! Man braucht sie – so nehme ich an – nicht bei jeder Technik aber bei denen, die ich bisher gelernt habe, sind sie äußerst nützlich. Egal welches Muster ich webe, ich verwende mindestens zwei Randbrettchen pro Seite. Ich schäre diese Brettchen jeweils eines S und eines Z entweder in der Grundfarbe oder in einen hübschen Komplementärfarbe wenn es dazu passt. Ich drehe dann so lange in eine Richtung bis die Kette zu verdrillt ist um weiter zu drehen, dann erst wechsle ich die Richtung. Auf diese Weise entstehen sehr stabile Ränder, die nicht ausfransen und mit denen sich die Borten besser aufnähen lassen.


Fazit

Das Brettchenweben hat so ein bisschen den Ruf, sehr simpel zu sein. Vielleicht auch wegen der großen Verbreitung der Einzugsmuster.

Tatsache ist ja, dass die entstehenden, geometrischen Muster dekorativ sind und viele davon SIND einfach zu weben. Das Schären der Kette ist aufwendiger als für andere Techniken, aber das Weben an sich ist dann nicht mehr kompliziert.

Tatsache ist aber auch, dass das Weben von historisch korrekten Borten sehr viel schwieriger ist. Es ist eine echte Kunst, die man sich mit Geduld aneignen muss. Wie ich ganz oben schon geschrieben habe, ist das nicht so ganz meins. Vielleicht auch, weil ich nicht sehr gut darin bin, so mathematisch und geometrisch zu denken, wie das für das Brettchenweben wichtig ist.

Trotzdem habe ich den Ehrgeiz, schöne broschierte Borten herzustellen. Auf einem Grundmuster in Schnurbindung geht das schon ganz gut. Siehe hier den Artikel über das Broschieren dazu.

Aber natürlich gehört dann auch das passende Grundgewebe dazu. Das bedeutet aber noch gründliches Einlesen und Ausprobieren. Es bleibt also spannend für mich.


Weitere Informationen und Bilder:

  • Blog von Viktoria Holmqvist 'Arachne's Blog'
  • Homepage von Aisling 'Aislings Welt'
  • Homepage von Flinkhand www.flinkhand.de
  • Holmqvist, Viktoria "The use of craft skills in historical textile research: some examples drawn from a study of Medieval tablet weaving" in: "Ancient Textiles, Modern Science – Re-creating Techniques through Experiment", Heather Hopkings (Hrsg.), Oxbow Books, Oxford, 2013


Christa Schwab, 7.12.2014

 

Borte (Seitenabschluß)