Grafen, Ritter und Gefolge in Festlaune -
Burgbelebung Lenzburg 2016

22.7. - 24.7.2016

Am Wochenende vom 22. - 24. Juli waren drei Leute unseres Vereins zu einer ganz besonderen Veranstaltung eingeladen.

Patrick, René und ich sind dem Aufruf des Schweizer Vereins "Comthurey Alpinum" gefolgt, der eine große Burgbelebung auf Schloss Lenzburg in der Nähe von Zürich organisiert hat. Das Museum Aargau hat diese Belebung initiiert und daher waren die Anforderungen dafür ebenso hochkarätig wie die beteiligten Gruppen, die aus dem gesamten deutschsprachigen Raum kamen.

Wir drei haben also die letzten Monate mit dem Vervollständigen einer Ausrüstung verbracht, die auch strengen Augen genügt.


Vorbildliche Organisation

Danke an Daniel, Blanche und den Rest der Comthurey Alpinum. Das Ganze war perfekt organisiert.

Da die Lenzburg, wie nun mal viele Burgen, recht unzugänglich liegt, musste das Auf- und Abbauen besonders sorgfältig eingeteilt werden. Die Zufahrt war schmal und den Großteil der Ausrüstung musste man erst mit dem Lift nach oben oder unten bringen. Aber es ist alles wie geschmiert gelaufen.

Der Schlafsaal für uns 'moderne' Schläfer ('modern' im Gegensatz zum 'authentischen Schlafsaal', der tagsüber auch für Besucher offen war) war sehr voll, aber für die paar Nächte war es schon zu machen und zum Glück konnte man den Raum gut belüften.

Nachdem das Ganze ja im Hof der Lenzburg stattgefunden hat, in der es auch Museen und ein Seminargebäude gibt, waren die sanitären Anlagen kein Problem. Sie wurden jeden Tag perfekt sauber gehalten und es gab sogar eine Dusche.

Besonders gefreut haben wir uns alle drei über die ganz herzliche Begrüßung durch Daniel und die anderen und das Gefühl, nicht nur willkommen zu sein, sondern auch sofort dazu zu gehören.


Die Veranstaltungsidee

Vielleicht sollte man an dieser Stelle bemerken, dass das 12. Jhd. bei großen Veranstaltungen gerne zu kurz kommt. Es gibt nicht so viele Darsteller, die sich dieser Zeit annehmen wollen. Aber dieses Mal sollte es eine Veranstaltung ausschließlich für diese Zeit werden. 1173 war das Stichdatum.

Warum genau dieses Jahr, fragt sich der geneigte Leser jetzt bestimmt (hoffe ich).

Das ist das Jahr, in dem Kaiser Friedrich I Barbarossa nach Lenzburg zu einem Hoftag kam. Er traf dort Graf Albrecht III von Habsburg und andere, hochrangige Adelige, um diverse Reichsgeschäfte zu erledigen.

Das Motto lautete also "Der Kaiser kommt!" Und unsere Aufgabe "Zeigt, was in den letzten drei Tagen auf so einer Burg los war, bevor der Kaiser persönlich eintrifft."

Und das ist eine ganze Menge.

  • Einige Damen und Herren des Adels sind bereits anwesend. Man will sehen und gesehen werden.
  • Händler und Handwerker wollen die Gelegenheit ergreifen, Geschäfte zu machen.
  • Mitglieder des Klerus, allen voran der Bischof von Wangen und Abgesandte des Hospitaliterordens haben sich versammelt, um ihre Interessen zu vertreten und das Geschehen zu dokumentieren.
  • Kämpfer, vom Ritter bis zum Waffenknecht, sorgen für die Sicherheit aber nutzen die Zeit auch für ausgiebiges Training. Einige von ihnen hoffen, für den anstehenden Italienfeldzug angeheuert zu werden.
  • Und überall bewegen sich Bedienstete, Mägde und Knechte, die das Meer von Arbeiten zu erledigen haben, das so eine Zusammenkunft fordert.

Denn das war einer der Punkte, die man unbedingt zeigen wollte: die Bevölkerungspyramide an diesem Ort zu dieser Zeit. Sehr wenige Adelige, dafür sehr viele dienstbare Geister und die Bevölkerungsschichten dazwischen.


Das Burgareal

Um das Bild möglichst harmonisch zu gestalten, war das Gelände der Veranstaltung in vier 'Zonen' unterteilt.

Grundriss der Burg Lenzburg mit den verschiedenen Bereichen der Veranstaltung.
Grundriss der Burg mit den verschiedenen Bereichen.
Burgweg: Torwache, Talgsieder
Hof: Küche, Handwerker, Soldaten und Wachen
Französischer Garten: Adel
Ritterhaus: Kapelle, klerikale Darstellung, authentischer Schlafsaal
Südbastion: Moderne Gastronomie

Der betriebsame Hof mit Handwerkern und Bediensteten. Der Garten, in dessen Ruhe sich der Adel zurückgezogen hat.
Hier sieht man schön die völlig andere Atmosphäre vom Hof mit den arbeitsamen Handwerkern und Bediensteten und dem idyllischen Garten, in den sich der Adel zurückziehen konnte.
(c) Remo Dörler

Zunächst einmal der Weg zur Burg, also noch vor dem Innenhof. Hier fand sich schon einmal eine Wache in entsprechender Ausrüstung sowie die Talgsieder. Ersterer für den passenden Eindruck, letztere wegen des Gestanks (NEIN, NICHT umgekehrt!).

Das Auslassen von Talg für Lampen (in diesem Fall Schafstalg) stinkt ganz fürchterlich und wäre auch im Mittelalter außerhalb der Mauern erledigt worden.

Dann betraten die Besucher den Innenhof, der auch das Herz der Veranstaltung war. Hier fanden sich alle Handwerker und Händler, die Küche, die Zelte der Hospitaliter und der Kriegsknechte. Außerdem eine niedrige, recht unauffällige Bühne und ein großer, frei gehaltener Platz für die Kampfvorführungen.

Vom Burghof aus konnte man den ehemaligen Rittersaal betreten, der einerseits als authentischer Schlafsaal, andererseits als improvisierte Kapelle bzw. als Bereich der Ordensleute diente. In einem Vorraum dazu fand sich auch der Instrumentenbauer mit seinen Werken.

Der hintere Bereich des Hofes ist durch ein schmiedeeisernes Gitter samt Tor abgetrennt. Hier befindet sich der 'Französische Garten', in dem die Adeligen residiert haben. Der Unterschied zwischen dem geschäftigen, oft lauten Hof und dem ruhigen, grünen und blumenübersähten Garten hätte nicht größer sein können.

Der Bereich für die Besucher, allen voran die Gastro, war komplett von diesen Bereichen getrennt. Man musste eine Treppe zu einer zweiten, höher gelegenen Ebene, der Südbastion, hinauf gehen. Das dort aufgebaute Plastikzelt mit Sitzplätzen etc. war vom mittelalterlichen Bereich aus nicht zu sehen.

Das Einzige, was an moderne Zeiten erinnerte waren notwendige Hinweisschilder, wie das für die Sanitäter.


Was haben wir dort also gemacht?

Bedienstete und Waffenknechte

René und Patrick hatten sich für die Rolle von Waffenknechten entschieden, wobei die Herstellung bzw. Reparatur von Rüstungsteilen eine besondere Rolle spielen sollte. Patrick hat sich dabei auf die Darstellung eines Sarwürkers (Herstellung von Kettenhemden) spezialisiert, René auf die Produktion von Gambesons, also der Polsterung unter der Rüstung.

Das verwaiste Sarwürker-Werkzeug von Patrick
Das verwaiste Sarwürker-Werkzeug von Patrick.
(c) Remo Dörler

Schildwalltraining
Gleich steht der Schildwall. Unter den Augen des Grafen leistet man sich lieber keine Fehler.
(c) Remo Dörler

Patrick beim Tragen des Baldachins für den Bischof und den Grafen
Patrick trägt den Baldachin für den Bischof und den Grafen. Der Marschal der Burg (Daniel) macht den Weg frei.
(c) Remo Dörler

Anlegen einer Rüstung
Daniel sieht zwar etwas gequält aus, aber René und Timo werden ihn schon ins Kettenhemd stopfen.
(c) Remo Dörler

Eigentlich sollten Waffen und Rüstungen eher nebenbei erklärt werden. Tatsächlich hat sich das Ganze dann aber rasch umgekehrt. Das Handwerk blieb liegen als die Begeisterung und Neugierde der Besucher sich auf die ausgestellte Ausrüstung konzentriert hat.

Viele Male wurden Helme auf- und abgesetzt, Kettenhemden anprobiert, Fotos gemacht. Und natürlich wurde gefragt – VIEL gefragt. Man hat gemerkt, dass es sich bei dieser Veranstaltung in allererster Linie um eine Museumsveranstaltung gehandelt hat. Die Leute, die dort waren, wollten vor Allem etwas lernen.

Die Aufgaben der beiden männlichen Via Nostrianer haben sich trotzdem nicht auf das oben genannte reduziert. Denn natürlich wurde von den Waffenknechten auch noch ganz andere Dienste gefordert – Wachdienst, zum Beispiel. Entweder am Eingang zum Garten, in dem der Adel residierte oder am Burgtor. Interessanterweise schienen die Leute die Wachen – gerade die am Garten – durchaus ernst zu nehmen. René und Patrick wurden mehrmals gefragt, ob man denn hinein dürfte oder sie wurden vorsichtig betrachtet, während die Besucher an ihnen vorbei gingen.

Und dann darf das Training nicht fehlen. Schließlich will man ja, dass die Kämpfer topfit sind. Einmal am Tag warf man sich also in die Rüstung, um dieser Verpflichtung nach zu kommen. Dabei ist zu beachten, dass es sich dabei NICHT um eine Schaukampfvorführung gehandelt hat. Es war tatsächlich ein Waffentraining mit echten Trainingskämpfen. Auch oder gerade zwischen verschiedenen teilnehmenden Gruppen. Möglich wird auch das durch die hohe Qualität der Teilnehmer. Wer auf Lenzburg als Kämpfer auftrat, hatte auch entsprechendes Training.

An dieser Stelle hat man auch etwas gespürt, was das gesamte Wochenende geprägt hat: das herausragend gute Verständnis zwischen den Gruppen. Ob aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz – die Kämpfer haben zusammengepasst. Ursprünglich dachte die Orga, man müsste besonders das Linienkampftraining, bei dem die einzelnen Kämpfer besonders eng zusammen arbeiten müssen, sicher noch gründlich trainieren, bevor man das der Öffentlichkeit präsentieren kann. Aber … na … sagen wir: nach dem ersten Versuch war klar, dass die Herren das auch so hinkriegen.

Wenn man nun die Aufgaben von René und Patrick so im Überblick betrachtet, könnte man sagen: OK, das ist jetzt alles nicht SO ungewöhnlich. Das findet man auch auf einem Mittelaltermarkt.

Das stimmt. Ungewöhnlich war, abgesehen von der Qualität, aber vor Allem das Engagement. Die beiden waren dort um den Besuchern etwas zu bieten. Nicht um herum zu sitzen und vielleicht mal die eine oder andere Frage zu beantworten. Es war, um es kurz zu machen, richtig harte Arbeit.

Außerdem gab es dann schon noch eine Aufgabe, die sehr speziell war, die man auf keinem Markt findet und schon gar nicht in dieser Form: die Aufgabe als Bedienstete.

René und Patrick mussten auch Feuerholz für die Küche holen oder den Baldachin für den Bischof und Graf Albrecht tragen. Denn so war das nun einmal. Und das, GENAU das, war ja das Ziel der Veranstaltung. Zu zeigen: SO war das.


Köchin

Mehrheitsvotum von Patrick und René

Was soll man zur Küche sagen. Es war der Hammer. Und selbst das ist untertrieben. Denn wenn sogar schon beim Frühstück die Leute sich Nachschlag von einem "gewöhnlichen" Brei holen, sollte das eigentlich mehr über die Qualität der Küche aussagen als jede Lobpreisung.

Was die Damen und Herren dort geleistet haben, hat maßgeblich zum Erfolg und zum harmonischen Miteinander beigetragen. Sei es nun das bereits vor dem Frühstück Teebeutel von Hand genäht und befüllt wurden (und das jeden Tag) oder dass man trotz der Arbeit immer noch Zeit fand für die Besucher.

Wir möchten uns einfach nochmal bedanken. Es war ein Traum. Ein Hoch auf die Küche, ein Hoch auf Christa (und natürlich alle anderen) und auf die Grüne Sauce .-)

Und ich? Ich habe gemacht, was ich gut kann: nämlich kochen. Ich habe mich von Anfang an für die Küche entschieden und war eine von vier fixen Köchinnen. Wir hatten außerdem zwischen sechs und acht Mägde und Knechte, die auch noch mitgeholfen haben. Denn wir haben für die gesamte Burgbesatzung gekocht, also drei Mahlzeiten pro Tag für 86 Darsteller. Und das unter freiem Himmel, ausschließlich mittelalterliches Essen unter ausschließlich mittelalterlichen Bedingungen.

Anfangs habe ich mir Gedanken über die Infrastruktur einer solchen 'improvisierten' Küche gemacht, aber zwei Gruppen haben ihre Ausrüstung zusammen gelegt und so hatten wir gerade genug Töpfe, Schalen, Bretter, Schüsseln, etc. (wenn es auch IMMER noch mehr sein kann, in einer großen Küche …) Besonders erwähnen möchte ich hier auch noch den ganz fantastischen Einkauf von Blanche (der zweiten Hauptorganisatorin). Die Lebensmittel waren von allererster Qualität und es war eine Freude, damit zu arbeiten.

Unsere Küche war für die Besucher von allen Seiten einsehbar, wenn wir auch das große, offene Kochfeuer abgesperrt haben, damit sich niemand verletzt und damit wir an unsere Töpfe kommen.

Blick über die gesamte Küche bei der Burgbelebung Lenzburg
Die gesamte Küche. Rechts im Bild die Tische für alle Vorbereitungen und die Essensausgabe. Links das große Kochfeuer, dazwischen der Platz zum Abwaschen.
(c) Christa Schwab

Priska und ich beim Zwiebelschneiden.
Priska und ich beim Zwiebelschneiden für das Lamm. VIEL Zwiebel. Wir waren trotzdem tapfer und haben nicht geweint.
(c) Remo Dörler

Das Geschirr und restliche Zubehör.
Das Geschirr und restliche Zubehör. Im Vordergrund die schön bemalte Platte für die Speisen der Adeligen.
(c) Remo Dörler

Essensausgabe an die Darsteller der Burgelebung
Wir haben mit der Speisenausgabe begonnen. Es ist Abend und die Besucher sind schon weg. Vorne auf den Tischen liegen trotzdem noch die Info-Blätter mit Angaben zum mittelalterlichen Kochen und zu unserer Speisenfolge.
(c) Remo Dörler

Meine Aufgabe war damit eine etwas andere als die der beiden Herren. Ich und der Rest der Küchencrew waren in allererster Linie für die Darsteller da und erst in zweiter Linie für die Besucher. Natürlich konnten die Besucher jederzeit Fragen stellen und mit uns reden, aber wenn das Gemüse in den Kochtopf muss, dann muss das Gemüse in den Kochtopf und dann werden Gespräche schon mal unterbrochen.

In der Küche waren einige Informationsblätter aufgelegt, um diese Info-Lücke ein wenig zu schließen. Und ich hatte auch das Gefühl, dass die meisten Besucher verstanden haben, dass wir hier eben keine Zeit haben, so lang und ausführlich zu erklären, wie das an anderer Stelle möglich war.

Wir hatten ja wirklich, sichtlich genug zu tun. Wir haben drei Mahlzeiten am Tag zur Verfügung gestellt und bei jeder davon wurde auch gekocht.

Jeden Morgen haben wir Grütze bzw. Brei für alle gekocht (Dinkel, Hafer und Hirse) und dazu frisch gekochte Obst-Kompotte bzw. Feigenmus serviert. Am Samstagmorgen gab es außerdem noch Fischsülze mit Sellerie, die wir aus den Gräten und der Haut der Räucherfische vom Vortag gekocht haben.

Mittags gab es eine kleine Mahlzeit (Freitag: Räucherfisch und zum Nachtisch Erdbeersuppe, Samstag: Gefüllte Eier und Salat, Sonntag: Hirseschnitten).

Und abends das große Essen des Tages (Freitag: Hühnereintopf und Fenchelgemüse, Samstag: Gegrilltes Lamm mit Kastanien in Würzsauce, Sonntag: Gekochtes Rindfleisch mit Grüner Sauce, Ruccolasalat und Kohlgemüse).

Außerdem gab es zu allen Mahlzeiten zusätzlich ein kaltes Buffet mit Brot, Butter, Käse, Würsten, Speck, Trockenfleisch, frischem Gemüse und Obst, damit auch sicher alle satt werden.

Man sieht also: wir waren mehr als gut beschäftigt. Naturgemäß waren wir die ersten, die auf den Beinen waren (gegen 6.30) und die letzten, die Feierabend gemacht haben (gegen 20.00), mit nur wenigen Pausen.

Zu jeder Zeit waren zwischen vier und zehn Personen in der Küche beschäftigt, wobei auch die Küchencrew aus verschiedenen Gruppen zusammengesetzt war. Und uns ging es wie den Kämpfern: es hat funktioniert. Und zwar reibungslos. Ich habe mich in der Küche sehr wohl und zuhause gefühlt. Ein ganz herzliches Danke dafür an die restliche Küchenmannschaft – es ist nie einfach 'die Neue' zu sein, aber ihr habt es mir sehr leicht gemacht!


Das Programm

Für uns drei Via Nostrianer gilt also: wir haben viel gearbeitet und hatten viel Spaß. Der einzige Wehrmutstropfen war, dass wir kaum Zeit hatten, uns die Projekte und Programmpunkte der anderen Gruppen anzusehen. Denn zu sehen gab es eine Menge.


Adel

Die adeligen Herren beim Schachspiel.
Die adeligen Herren beim Schachspiel und (bestimmt!) beim Bereden enorm wichtiger Dinge.
(c) Remo Dörler

Die adeligen Damen werden eingekleidet.
Die adeligen Damen werden eingekleidet. Dabei werden die verschiedenen Modeströmungen dieser Zeit erklärt. Auch hier gut sichtbar: BUNTES Mittelalter!
(c) Remo Dörler

Zunächst einmal natürlich den Adel. Die Damen und Herren haben, wie oben schon erwähnt, in einem schönen, französischen Garten residiert, umgeben von Mauern und einem wunderschönen, schmiedeeisernen Zaun mit Tor. Allein all die Details und Accessoires an der Kleidung, die Ausstattungen der Zelte – der Lebensstil eben, inklusive Dinge wie der oben genannte Baldachin. Und da hatte man die eigentlichen Programmpunkte, wie das Ankleiden der Damen noch gar nicht gesehen. Wir haben in der Küche übrigens einmal am Tag für den Adel die Speisen speziell vorbereitet. In der Mittagszeit, wenn die Besucher da waren, hat der Adel das Essen besonders schön angerichtet und serviert bekommen (im Gegensatz zu allen anderen, die sich das Essen bei uns abgeholt haben).

Und wir hatten Pferde auf der Lenzburg! Entsprechend gab es auch einmal am Tag eine Reitvorführung, komplett mit Demonstrationen zum Kampf zu Pferd.

Ein wichtiger Punkt war die Durchführung von Rechtsgeschäften durch die anwesenden Adeligen. Ähnlich wie in unseren Gerichtsfällen ging es um wenig spektakuläre Dinge. Allerdings sollte hier die politische Bedeutung eines solchen Hoftags gezeigt werden. So ging es um das Überschreiben eines Weinberges an den Hospitaliterorden oder einen Landtausch zwischen dem Bischof und einem Adeligen.


Kirche

Andacht in der Kapelle, die im Rittersaal der Burg Lenzburg eingerichtet war.
Die Mitglieder der verschiedenen Orden beim Stundengebet in der Kapelle, die im Rittersaal der Burg eingerichtet war.
(c) Remo Dörler

Mitglieder des Hospitaliterordens bei ihren Verwaltungstätigkeiten.
Die Herren des Hospitaliterordens scheinen sich über den Inhalt einer Urkunde uneins zu sein.
(c) Remo Dörler

Und damit wären wir beim Klerus, einem ganz besonderen Punkt, der auf dem durchschnittlichen Mittelaltermarkt viel zu kurz kommt. Dabei war das ein so wichtiger und allgegenwärtiger Bestandteil des Lebens. Auf der Lenzburg stellte der Klerus fast ein Fünftel der 'Bevölkerung'. Mit Zentrum im zur Kapelle umfunktionierten Rittersaal gab es diverse Darstellungen zu dem Thema. Zunächst einmal der Bischof, Friedrich von Wangen, begleitet von seinen Diakonen.

In der Kapelle fand man auch Mitglieder diverser Orden wie Prämonstratenser und Benediktiner. Schreiben, illustrieren, rechnen mit römischen Ziffern konnte man da sehen, ebenso die Beschäftigungen der Nonnen wie sticken und spinnen.

Und – mein persönliches Highlight – gregorianische Choräle, gesungen in Gruppen zu acht Personen oder mehr! Hier möchte ich mich noch einmal ganz persönlich und herzlich bei Sonja und Carsten von Creative Genius bedanken, die extra für uns müde Küchencrew am Samstagabend noch einmal gesungen haben, weil wir doch keine Zeit hatten, tagsüber zuzuhören. Der Raum war schon halb dunkel zu dem Zeitpunkt, es war schon fast halb zehn und es war ein ganz verzauberter und berührender Moment.

Aber was gab es noch? Vertreter der Hospitaliter, und zwar NICHT die Ordenskrieger, sondern die Herren von der Verwaltung. Denn in den Komtureien in Europa gab es fast keine kämpfenden Angehörigen des Ordens. Das waren fast ausschließlich Personen, die zivilen Aufgaben nachgingen. So hatten auch auf der Lenzburg der Komtur, der Präzeptor und die anderen Brüder des Ordens viel mehr mit Administration und Verwaltung, mit Networking, Politik und Finanzen zu tun als mit dem Kampf. Entsprechend ging es hier um Geld, um das Prägen von Münzen, um Verträge und Siegel.


Das gemeine Volk

Die Färber bei der Arbeit
Die Färber haben ein ebenso heißes Handwerk wie wir in der Küche. Daher waren wir auch Nachbarn (alle nahe am Holzstoß) und ich konnte mich an den Stoffen kaum satt sehen. Als Köchin hätte ich mir wahrscheinlich nichts davon leisten können, aber schauen kostet ja nichts.
(c) Remo Dörler

Musiker und Instrumentenbauer.
Musiker und Instrumentenbauer. Der eine unterhielt, der andere hat die Entwicklung der Instrumente quer durchs Mittelalter erklärt.
(c) Remo Dörler

Das Handwerk. Der Schmied, der jeden Tag eines der Pferde beschlagen hat. Die Färber - und nein, nicht nur ein paar Stränge Wolle in der Walnussflotte, sondern große, wunderschöne Stoffbahnen in unglaublichen Farben. Die Talgsieder vor dem Tor, Nadelbinder, Brettchenweber, Knochenschnitzer, Lederverarbeiter, Tischler, Drechsler.

So ein Hoftag kommt nicht ohne Musiker aus. Drei ganz verschiedene Vertreter dieser Zunft waren auf der Lenzburg zu finden. Ein Paar, das (unter anderem) für den Adel musiziert hat, ein Minnesänger, der sich auch an zotigen Liedern nicht störte und mit kleinen Handpuppen die Kinder unterhalten hat und ein ganz fantastischer Instrumentenbauer, der den Besuchern die Entwicklung der Instrumente präsentiert, aber auch selbst gespielt hat.

Die Musik war selbstverständlich weit, weit entfernt von der üblichen Marktmusik und vor Allem: Dudelsäcke hat man umsonst gesucht (dafür bin ich SEHR dankbar!)

Apropos Musik: 'Klang' war das Hauptmotto des Museums für diese Veranstaltung. Wie klingt das Mittelalter? Und wenn man so inmitten des Hofes stand, kurz bevor die Besucher gekommen sind, und die Augen zugemacht hat, war er da, der Klang. Eine Mischung aus dem Hämmern auf Metall und Holz, Unterhaltungen, Lachen, Fetzen von Musik, Gesang aus der Kapelle, Pferde und Hunde, das Prasseln der Koch- und Färbefeuer, das Scheppern von Töpfen und Kettenhemden, das dumpfe Dröhnen von Schwertern auf Schilden …

Einen kleinen Eindruck davon bietet ein Video, das ich am Samstag Morgen gemacht habe.


Und? Wieder?

Das Sonderkonzert für die Küchencrew abends in der Kapelle.
Unser Sonderkonzert abends in der Kapelle. Es war wirklich schön.
(c) Remo Dörler

Ja, es war unheimlich schön und ich freue mich sehr auf das nächste Mal.


Christa Schwab, 6.8.2016


Weiterführende Links

Chanz des Reis (Facebook-Seite, in Englisch)
Christoffel vom Hengstacker
Comthurey Alpinum
Der rote Hufen
Die Ameninger
Die Reisecen
Furor Normannicus
IG Wolf
Mittelalter Spiellüt
Pax Crucis (Facebook-Seite)

Wir empfehlen allen, sich in Ruhe die vielen tollen Bilder anzusehen, die es von dieser Burgbelebung gibt.
Bildergalerie (auf Facebook)
Christas Video zu den Geräuschen
Video auf Facebook


Bildnachweise

Viele Fotos in diesem Bericht wurden uns freundlicherweise von Remo Dörler zur Verfügung gestellt. Hier der Link zu seiner Webseite.


Borte (Seitenabschluß)