Bauanleitung für einen Stickrahmen

(K)eine Rekonstruktion

Der hier vorgestellte Stickrahmen ist für unsere Darstellungszeit nicht historisch belegt.

Unser Problem: Wir haben für das 12. Jahrhundert keine einzige Bildquelle gefunden, die einen Stand-Stickrahmen (oder auch nur irgendeinen Stickrahmen) zeigt. Es muss solche Stickrahmen gegeben haben. Die verwendeten Sticktechniken, allen voran die diversen Anlegetechniken setzen voraus, dass der Stoff aufgespannt ist und die Stickerin (wenn möglich) beide Hände frei hat. Das geht nur mit einem freistehenden Stickrahmen.

Die Frage ist: Wie sahen diese Stickrahmen aus?

Zunächst muss man von der Größe des Werkstückes ausgehen. Für sehr große Stücke, wie zum Beispiel den Krönungsmantel von Roger II, wäre ganz sicher ein Stickrahmen notwendig, bei dem sich der Stoff auf beiden Seiten aufrollen lässt. Also eventuell ein Walzensystem – sehr ähnliche Systeme werden heute noch für große, handbestickte Stoffe verwendet. Für unsere Zwecke reicht aber ein Stickrahmen für kleinere Werkstücke.

Die Form des eigentlichen Rahmens war relativ leicht festzulegen. Die frühesten mittelalterlichen Bilder zeigen eckige Rahmen. Runde Rahmen kommen erst viel später auf. Aber diese Bilder zeigen tatsächlich nur den eigentlichen Rahmen, keinen Ständer dafür. Die älteste uns bekannte Bildquelle, die einen solchen Rahmen zeigt, ist eine Glasmalerei aus der Zeit um 1350 (Bild links).

Die extra gebohrten Löcher für die Fäden zum Verspannen bieten vor Allem Schutz beim Transport. Die Löcher wären sonst nicht unbedingt notwendig – man kann auch einfach rund um den Rahmen verspannen (und so wäre es in einem normalen mittelalterlichen Haushalt wohl auch gemacht worden). Die Löcher bieten mehr Stabilität für den Stoff und Schutz vor dem Verrutschen.

Der Ständer ist ein eigener Entwurf, für den wir so keine Vorlage gefunden haben.

In den mittelalterlichen Abbildungen liegt der Rahmen meist einfach waagrecht auf zwei Böcken auf. In einem Bild sieht es so aus, als lehne der (in diesem Fall fast frauhohe) Rahmen an einer Wand.

Unser Entwurf ist unseren Marktfahrten geschuldet und entstand, als mir noch keine Bildquellen vorgelegen haben. Wir brauchten einen Fuß, der sowohl stabil als auch zerlegbar ist. Mit der Höhenverstellbarkeit haben wir berücksichtigt, dass der Webrahmen mit sehr unterschiedlichen Sitzgelegenheiten verwendet wird.


Material

Der fertige Stickrahmen
Der fertige Stickrahmen.

Das verwendete Material ist komplett 'A'. Es gibt an diesem Stickrahmen nur Materialien, die es bereits im Mittelalter gab: Holz, Leim, Leinöl.

Für den Rahmen selbst sollte man Hartholz verwenden. Das hat mehrere Gründe:

  • Der Rahmen wird stabiler.
  • Das Holz besitzt eine feinere Maserung und lässt sich besser glätten. (Eine glatte Oberfläche ist wichtig, damit der aufgespannte Stoff nicht zerfasert.)
  • Das Holz splittert beim Bohren kaum.
  • Das Holz enthält deutlich weniger Harz.

Den Ständer kann man auch aus Nadelholz bauen. Wir haben wegen der Optik aber Esche genommen.


Stückliste

  • Vierkanthölzer (Holzsorte beliebig)
    In Fichte werden diese Hölzer in Längen von zwei Metern angeboten. Die benötigten Einzelteile lassen sich also jeweils aus einem Stück von jeder Sorte zuschneiden.
    - 2 Stück 90 cm x 6 cm x 3 cm (Beine)
    - 2 Stück 60 cm x 10 cm x 3 cm (Füße)
    - 2 Stück 80 cm x 10 cm x 2 cm (Querstreben)
  • Vierkantstäbe Buche
    4 Vierkantstäbe Buche 20 x 25 mm
    Diese Stäbe bilden den eigentlichen Rahmen. Sie werden in einer Länge von 1m angeboten.
  • Rundstäbe Buche
    Rundstäbe werden in einer Länge von 1m angeboten.
    - 1 Stück Ø 8 mm (für die Holzdübel)
    - 1 Stück Ø 14 mm oder Ø 20 mm (Für die Achsen)


Abmessungen

Die angegebenen Querschnittsmaße sollten möglichst genau eingehalten werden. Macht man die Teile viel dünner, verliert der Rahmen die notwendige Stabilität, macht man sie stärker, wirkt das Teil zu wuchtig.

Ich habe individuell zugeschnittenes und gehobeltes Holz für den Stickrahmen verwendet. Wenn man fertiges Vierkantholz im Baumarkt holt, dann wird das die Maße 25 x 20 oder 30 x 20 Millimeter haben (siehe Querschnittszeichnungen des Rahmens).

Länge und Breite des Rahmens sind variabel und ergeben sich aus der Größe der Stickereien, die man darauf ausführen möchte. Sebastian von den Sectio Artificerum hat für seine Freundin einen Handstickrahmen gebaut, der nur 40 x 40 cm groß ist.

Die maximale Seitenlänge des Rahmens hängt von der Größe der Stickerin ab. Sie muss mit einem Arm auf der Unterseite des Rahmens bis zur Mitte der Fläche reichen können, denn bei einem Standstickrahmen arbeitet man für gewöhnlich beidhändig, mit einer Hand über und einer unter dem Stoff. (Die Länge ist von beiden Seiten aus gerechnet, denn natürlich kann man den Rahmen auch umdrehen und von der anderen Seite her sticken). Die maximale Kantenlänge ist damit zweimal das Maß von der Ellbogenkehle zum Ansatz des Mittelfingers. Bei uns hat das eben jene 60 cm ergeben, die wir verwendet haben.

Ansicht des Stickrahmens Querschnitte durch den Rahmen
Die Abmessungen des eigentlichen Stickrahmens. Angegeben sind die Maße, in denen ich den Rahmen gebaut habe. Für den Querschnitt habe ich Alternativmaße für gängige Verkanthölzer, wie man sie im Baumarkt erhält, ergänzt.

Die Höhe der Beine und der Achslöcher in den Beinen bestimmt man am besten durch Ausprobieren. Ich habe bei Christas Stickrahmen mehrere Löcher vorgesehen, damit der Rahmen höhenverstellbar ist. Wir sind damals davon ausgegangen, dass man die Höhe unterschiedlich einstellt, je nachdem, wo auf der Stickerei man arbeiten möchte. Mittlerweile hat sich diese Möglichkeit als sehr praktisch erwiesen. Denn damit kann man den Webrahmen an die Höhe der jeweiligen Sitzgelegenheit anpassen.


Tipps für den Bau

Die reine Konstruktion geht komplett aus den Zeichnungen hervor und ist so einfach, dass ich mir eine vollständige Bauanleitung spare. Stattdessen gebe ich Tipps für die Stellen, die vom Handwerklichen her schwierig sind oder bei denen man sich durch ein bestimmtes Vorgehen viel Arbeit sparen kann.

Ansicht und Querschnitt eines Stickrahmen-Beins
Ansicht und Schnitt eines Beins. (In der Bauanleitung gibt es diese Zeichnung als DIN-A-4-Plan.)

Die Beine
Die Beine bestehen aus zwei Teilen, einem Fuß und einem Pfosten. Für eine stabile Verbindung und ein schönes Aussehen nimmt man beide Teile je zur Hälfte aus. Dann braucht man auch nicht unbedingt die im Plan eingezeichneten Holzdübel. Wer sie verwenden möchte, leimt zunächst Pfosten und Fuß zusammen und lässt die Verbindung aushärten. Erst danach bohrt man das Loch für die Dübel und leimt diese ein.
Wem das Ausnehmen des Holzes zu kompliziert ist (oder wem das Werkzeug dafür fehlt), der kann beide Teile auch einfach aufeinander leimen. Dann sollte man aber auf jeden Fall zur zusätzlichen Fixierung die Holzdübel einbauen.

Allgemeiner Tipp zum Bohren der Löcher:
Immer ein Stück Holz unterlegen, in das man hineinbohren kann. Dieses Holz verringert die Gefahr, dass beim Durchstoßen der Bauteile das Holz splittert.

Die Achslöcher in den Beinen bohren.
Dazu die beiden Beine übereinander legen und mit Schraubzwingen fixieren. Auf diese Weise stellt man sicher, dass die Löcher in beiden Beinen auf derselben Höhe liegen. Welchen Durchmesser die Löcher haben müssen, hängt davon ab, welche Variante für die Achsen man wählt.

Schlitze für die Querhölzer aussägen.
Jeweils an den Enden der geplanten Schlitze ein Loch bohren. Danach den Schlitz mit einer Stichsäge aussägen. Der Durchmesser der Löcher soll der Dicke der Schlitze entsprechen, bei den Maßen im Bauplan also 20 mm. Zum Bohren der Löcher sollte man auch hier die beiden Beine aufeinander legen. Das Aussägen macht man dann für jedes Bein einzeln.

Die Löcher in den Holmen des Rahmens bohren.
Mit einem 8-mm-Bohrer die Löcher zum Spannen des Stoffs bohren. Dabei jeweils oberen und unteren Holm bzw. rechten und linken Holm aufeinander legen und gemeinsam bohren, damit die Löcher auf den jeweils gegenüberliegenden Seiten identisch ausfallen.
Etwas tricky ist das Bohren der Löcher für die Achse. Die Löcher haben einen Durchmesser von 14 mm. Damit bleibt auf jeder Seite eine Holzdicke von gerade mal drei Millimetern. Man muss also sehr vorsichtig arbeiten. Am besten geht es mit einer Standbohrmaschine, bei der der Bohrer genau geführt werden kann.

Die Achsen herstellen.

Für die Achsen gibt es zwei Varianten:

  • Für die schönere muss man sich die Hilfe eines Drechslers suchen. Bei dieser wird ein Stab mit 20 mm Durchmesser auf einer Seite bis auf 14 mm abgedreht. Dieses dünne Ende wird dann in den Stickrahmen geleimt. Diese Variante habe ich für Christas Stickrahmen gewählt.
  • Einfacher ist es, einen Stab mit nur 14 mm Durchmesser zu verwenden. Dann fällt keine weitere Arbeit an, dafür sieht es nicht so schön aus und die Achse ist auch nicht so stabil.

Längsbretter des Ständers
Die Längsbretter des Ständers sind an den Enden angeschrägt. Auf diese Weise lassen sie sich beim Zusammenbauen des Stickrahmens viel einfacher durch die Löcher der Beine schieben.

Detail zur Position der Löcher für die Keile in den Querbrettern
Detail zur Position der Löcher für die Keile in den Querbrettern.

Die gegenläufigen Keile zum Fixieren im Detail
Die gegenläufigen Keile im Detail.

Öffnungen für die Keile
Wie man im nebenstehenden Bild sehen kann, sind die Aussparungen für die Keile größer angelegt als sie sein müssten. Sie schließen NICHT mit der Kante des Stehers ab. Statt dessen ragt der Steher etwas in die Aussparung hinein. Das ist kein Konstruktions- bzw. Zeichenfehler. Da sich Holz je nach Klima verändert, kann es auch sein, dass das Holz des Stehers sich etwas zusammen zieht. Würde man die Aussparung genau mit der Kante des Stehers enden lassen, würde die Konstruktion beginnen zu wackeln, wann immer sich das Holz zusammenzieht, weil die Keile den Steher nicht mehr 'einklemmen' könnten.
(Falls sich jemand fragt, warum ich diesen Tipp anführe: Genau den oben genannten Fehler haben wir bei unserer ersten Sitzgarnitur gemacht.)

Keile
Die einzelnen Teile des Stickrahmens sind nur durch Keile fixiert. Diese Keile neigen dazu, sich mit der Zeit zu lockern und dann herauszufallen. Um das zu verhindern, sollte man die Keile möglichst flach (also mit möglichst geringer Steigung) ausführen und immer zwei gegenläufige Keile verwenden. Seitdem wir das so machen, hat sich am Stickrahmen kein Keil mehr gelöst.
Eine Alternative besteht darin, in die Längsbretter senkrechte Schlitze zu schneiden und die Keile von oben einzusetzen. Bei dieser Variante müssen aber die Schlitze und die Keile sehr genau gearbeitet sein. Darum habe ich darauf verzichtet.

Schleifen und einlassen
Ganz wichtig ist die Bearbeitung der Oberfläche. Der komplette Stickrahmen muss so glatt wie möglich werden. (Ich habe zum Schmirgeln 600er Schleifpapier verwendet.) Auch ein Einlassen mit Öl oder Wachs ist notwendig. Jede Rauheit des Rahmens kann den Stoff zerfasern.
Und sorgfältig glätten heißt sorgfältig glätten. Ich habe den Rahmen von Hand geschmirgelt und für das ganze Teil ca. vier Stunden gebraucht. Dann habe ich ihn gründlich mit Leinöl eingelassen, ihn nach dem Trocknen noch einmal abgeschmirgelt und ihn ein zweites Mal geölt.


Download

Die Materialliste, die Tipps und große Versionen der im Artikel abgebildeten Pläne haben wir als PDF zusammengefasst und zum Download bereitgestellt. Mit diesen Hilfen sollte sich der hier vorgestellte Stickrahmen leicht nachbauen lassen.

Bauanleitung (PDF, ca. 450 kByte)


René Schwab, 15.11.2015

 

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