Nähen für die Männlichkeit

Schnittmuster und Nähanleitung für eine hochmittelalterliche Bruche

"Warum noch ein Schnittmuster für eine Bruche?" werden sich einige jetzt fragen. Die Frage ist berechtigt, denn es gibt schon eine ganze Reihe Anleitungen im Netz (am Ende des Artikels findet ihr einige Links zu anderen Beschreibungen, die teilweise auch mir als Anregung gedient haben). Auch unsere Beschreibung hier ist nur eine weitere Variante eines bekannten Schnitts und keine umwerfende neue Idee.

Ich habe diese Beschreibung veröffentlicht, weil mir keiner der anderen Artikel alle meine Fragen beantworten konnte. Außerdem hören viele da auf, wo die Probleme beim praktischen Nähen anfangen.


Bruchenrekonstruktionen

Zunächst möchte ich erklären, wie diese seltsame Form der Bruche überhaupt zustande gekommen ist.

Es gibt so gut wie keine Funde dieses Kleidungsstücks. Aus dem Hochmittelalter gibt es gar keine, erst aus dem Spätmittelalter sind ein paar Stücke bekannt. Die einzigen Vorlagen sind daher Bilder aus der Zeit, vor allem Miniaturen in Büchern. Die modernen Schnittmuster versuchen nun, das auf den Bildern gezeigte Aussehen, den 'Windellook' mit dem stark gefalteten Stoff am Bund, nachzuempfinden. Und eins dieser Modelle ist eben diese Art Hose mit dem merkwürdigen breiten Mittelteil.

Dass bei diesem Schnittmuster die Innenseiten der Beine offen bleiben, ist ebenfalls eine Schlussfolgerung aus den bekannten Bilden. Man sieht dort immer wieder, dass Bauern oder Arbeiter die Beine hochgebunden haben. Das geht aber nur mit offenen Innenseiten.

Katrin Kania schreibt, dass Bruchen, die unter sehr engen Beinlingen getragen werden und über das Knie hinaus reichen, am Schritt leicht einreißen. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht, dachte aber, bevor ich Kanias Text gelesen habe, ich hätte die Bruchen einfach falsch angezogen. Beides zusammen legt aber nahe, dass Bruchen bei Adeligen deutlich kürzer waren und vielleicht sogar geschlossene Beine hatten. Mangels Funden lässt sich das aber nicht mehr herausfinden und muss daher Spekulation bleiben.

Ebenfalls offen bleiben muss, ob es den von mir verwendeten Tunnelzug (Hohlsaum) für die Kordel gab. Ich verwende ihn, weil ich zum Anziehen der Bruche sonst eine dritte Hand bräuchte. Auch viele andere Schnittvorlagen sehen ihn vor. Nachweisen lässt er sich aber nicht. Wer also hinsichtlich A-Faktor auf Nummer Sicher gehen möchte, sollte ihn weg lassen.

Es gibt einige andere Vorschläge, wie Bruchen ausgesehen haben könnten, zum Beispiel der Schnitt aus Thursfields "Mittelalterliches Schneidern" ("The Medieval Tailor's Assistant"). Da ich diese aber noch nicht so weit getestet habe, dass ich zu einem abschließenden Urteil gelangt bin, lasse ich sie für diese Anleitung außen vor.

Wer sich einmal an einer ganz anderen Variante versuchen möchte, hier der Link zu einer finnischen Gruppe, die eine Lendenschurzvariante vorschlägt. Dabei besteht die Bruche überhaupt nur aus einem rechteckigen Stück Stoff. Als wir auf den Artikel der finnischen Gruppe gestoßen sind, hat uns die Idee überrascht, aber einige Bilder in der Gumbertus-Bibel lassen diese Variante möglich erscheinen. Ich habe begonnen, sie zu testen, bin mit meinen Versuchen aber noch nicht fertig. Vorläufig kann ich sagen: ganz abwegig ist das nicht. Bisher sind die Versuche zufriedenstellend, wenn auch noch nicht ganz alltagstauglich.

Zu beachten ist schließlich noch, dass meine Anleitung (wie die meisten mir bekannten Schnittmuster und Anleitungen) von heute üblichen Stoffbreiten ausgeht - also 1,40 - 1,50 m. Solche Breiten wurden zwar auch im Hochmittelalter schon gewebt, besonders von professionellen Webern, es sind aber auch weit schmalere Webbreiten sehr gängig. In diesem Fall sieht ein Schnittmuster natürlich anders aus. Auch die Nähte würden in gewissen Details anders ausgeführt werden.


Maß nehmen und zuschneiden

Die Maße

Im Schnittmuster links bedeuten die Linien:
schwarz: Schnittkanten
grün: spätere Nähte bzw. (bei Säumen) Kanten
rot: abzunehmende Maße

Es sind folgende Maße zu nehmen:
A: Maß von der Brust zum Knöchel.
B: Umfang des Oberschenkels an der dicksten Stelle plus 6 Zentimeter.

Alle mir bekannten Anleitungen gehen vom Brustumfang als maßgebende Größe aus. Das ist auf den ersten Blick logisch, verhindert aber nicht, dass die Beinöffnungen zu eng geraten können. Daher nehme ich den Umfang der Oberschenkel als Grundlage. In den meisten Fällen kommt man damit auf ähnliche Abmessungen. Wenn jemand einen kleinen Brustumfang und kräftige Oberschenkel hat, wird die Bruche nach meiner Methode größer, zerreißt dafür aber nicht so leicht.

a und b sind die Schlitze, die man zum Anbinden der Beinlinge an den Bruchengürtel braucht. e ist der Schlitz, der zum Zubinden der Kordel benötigt wird. Wie unten genauer beschrieben, schneide ich diese erst nach dem Zusammennähen und Säumen der Beine.

Bei c und d muss vor dem Nähen die Nahtzugabe eingeschnitten werden. Wofür man das braucht, ist ebenfalls weiter unten beschrieben.


Nahtzugaben

Ich verwende oben und unten jeweils vier Zentimeter Nahtzugaben. Für die übrigen Kanten zwei Zentimeter. Bei leichtem Stoff, der sich leicht verzieht und schnell ausfranst, sollte man drei Zentimeter rechnen.


Stoff auslegen

Vielen, die zum ersten Mal eine Bruche nähen, fällt es schwer, sich vorzustellen, welche Kanten zusammengenäht werden müssen. Das Bild oben zeigt, wie der Stoff umgeklappt werden muss, damit die richtigen Stellen aufeinandetreffen.

Die Burgaere Lintze haben für ihren Bruchenschnitt eine umfangreiche Fotoserie erstellt, in der man das Vorgehen sehr gut sehen kann. Hier der Link zu ihrer Nähanleitung.


Nähen

Wie man seine Nähte für das Nähen vorbereitet, ist Geschmackssache. Ich persönlich fixiere den Stoff zumindest mit Stecknadeln. Bei schlecht zu handhabendem Stoff hefte ich die Naht, bevor ich sie endgültig nähe.

Nähen der Kappnaht zwischen Bein und Mittelteil
Nähen der Kappnaht zwischen Bein und Mittelteil.
Schritt 1, die konstruktive Naht.

Ich beginne mit den Nähten zwischen den Beinteilen und dem hochgeklappten Mittelteil. Dabei führe ich diese Nähte immer als Kappnähte aus. Das spart gegenüber einer normalen Naht (Vorstich und Versäubern der Nahtzugaben) rund die Hälfte an Arbeitszeit ein.

Kappnaht

Der Nahtstreifen der Kappnaht wird über den Mittelteil gelegt, nicht über den Beinteil. Das vereinfacht die Arbeit. Wie in der Schemazeichnung und im Bild rechts zu sehen, sind die Nahtzugaben für eine Kappnaht unterschiedlich breit. Damit die fertige Naht auf dem Mittelteil liegt, muss der Beinteil die breitere Nahtzugabe aufweisen.

Zunächst wird die konstruktive Naht der Kappnaht genäht, die in direkter Verlängerung der Stoffkante des Beins liegt.

Der heikelste Punkt der Naht ist das Ende am Schritt. An dieser Stelle muss man die Nahtzugabe des Mittelteils immer schmäler werden lassen, bis der Stoff unten an der Kante nur noch stumpf gegen den Beinteil stößt und nicht mehr überlappt. Die gestrichelte weiße Linie im Detail zeigt an, wie die Naht zu Ende geführt werden muss.

Versäubern der Kappnaht zwischen Bein und Mittelteil.
Nähen der Kappnaht zwischen Bein und Mittelteil.
Schritt 2, Versäubern.

Für den zweiten Arbeitsschritt der Kappnaht wird der Stoff gefaltet und über den Mittelteil der Bruche gelegt.

Im unteren Detail des Bilds sieht man nun auch, warum die Nahtzugabe an dieser Stelle eingeschnitten werden muss. Sie lässt sich anders nicht umfalten. Für die Kappnaht wird die Nahtzugabe auf Rechts über den Mittelteil gelegt. Für den Saum muss die Nahtzugabe später nach Links gefaltet werden.

Säumen der Beine der Bruche
Säumen der Beine

Als Nächstes folgt das Säumen der Beine. Der kritische Punkt ist auch hier wieder die Stelle im Schritt. Diese Stelle muss besonders sorgfältig gearbeitet werden, da die Bruche hier zum Einreißen neigt, wenn sie nicht richtig getragen wird. Es empfiehlt sich, die Stoffkante wie eine Nestellochkante mehrmals eng zu umnähen.

Erst jetzt schneide ich die Schlitze a, b und e oben am Bund ein, die zum Festbinden der Beinlinge und der Bruchenbeine und zum Zubinden der Kordel benötigt werden. Die doch sehr große Stoffmenge einer Bruche lässt sich ohne die Schlitze leichter handhaben. Außerdem besteht so nicht die Gefahr, dass der Stoff an diesen Schlitzen weiter einreißt oder ausfranst. Die beiden seitlichen Schlitze sollten eine Länge von einem Fünftel der Gesamthöhe der Bruche haben, beim mittleren reichen von der Schnittkante aus gemessen zehn Zentimeter.

Bei den Schlitzen muss auf die Enden besonders Acht gegeben werden, damit diese später nicht einreißen. Sie sollte man ebenfalls wie eine Nestellochkante umnähen.

Ganz zum Schluss wird der Hohlsaum am Bund genäht. Ich gebe diesem Hohlsaum eine Höhe von 2,5 Zentimeter, damit ich eine etwas dickere Kordel einziehen kann.


Nestellöcher

Ich versehe meine Bruchen mit Nestellöchern für die Bänder, mit denen die Beine festgebunden bzw. hochgebunden werden. Das muss nicht sein, man kann die Bänder auch einfach festknoten. Mit dem Loch zum Durchfädeln entfällt aber der dicke Knubbel des Knotens, was das Tragen in einem Stiefel angenehmer macht.


Bruchengürtel

Zu einer Bruche gehört auf jeden Fall ein sogenannter Bruchengürtel. Der Gürtel kann aus Leder oder aus einem festen gewebten Band (idealerweise Brettchenband) bestehen und sollte mindestens drei Zentimeter breit sein.

Im Schnitt ist zwar ein Hohlsaum für eine Kordel vorgesehen, diese Kordel dient aber nur der Bequemlichkeit beim Anziehen. Gut sitzen tut die Bruche nur mit dem Gürtel. Und zwar aus mehreren Gründen:

  • Beim Herunterwickeln der Bruche klappt man den Gürtel deutlich spürbar um. So lässt sich viel leichter als mit einer Kordel sicherstellen, dass die Bruche überall gleich weit nach unten gewickelt wird.
  • Die Kordel ist so flexibel, dass sie durch daran befestigte Beinlinge nach unten gezogen wird. Die Beinlinge hängen dann zu tief und zu locker, die Bruche sitzt nicht mehr richtig und wird unbequem.
  • Die Kordel schneidet am Bauch stärker ein als der breite Gürtel, der den Druck besser verteilt.


Literatur und Weblinks

  • Lehnart, Ulrich, Kleidung und Waffen der Früh- und Hochgotik, Karfunkel-Verlag, Wald-Michelbach, 2013
  • Kania, Katrin, Kleidung im Mittelalter, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2010
  • Thursfield, Sarah, Mittelalterliches Schneidern, in der deutschen Übersetzung von Britta Nurmann, VS-Books, Herme, 2012
  • Burgaere Lintze, Bruchenschnitt, zuletzt abgerufen am 28.9.2016
  • Hibernaatiopesäke, Bruchenschnitte, zuletzt abgerufen am 28.9.2016
  • Berwelf, Kleidung um 1300, PDF, zuletzt abgerufen am 15.10.2016


René Schwab, 6.10.2016

 

Borte (Seitenabschluß)