Gerichtsverhandlung

"C. LXVIII. Irlit dem wegevertigen manne sin phert, he mus wol sniden korn unde im geben alse verre, als he
gereichen mag, stende in deme wege mit eime vuse,
he ensal is abir nicht dennen vuren."
(Sachsenspiegel, Paragraph LXVIII)

Mit diesem Text aus dem Sachsenspegel begann mein Interesse an diesem Thema. Denn durch diese 'Nothilfe für liegen gebliebene Reisende' wurde mir klar, wie anders man im Mittelalter Recht sprach, und wie man schon in Kleinigkeiten anders dachte als heute.

Hier die neuhochdeutsche Übersetzung:
"Wenn einem Reisenden das Pferd zum Erliegen kommt,
dann darf er, soweit er mit einem Fuß auf dem
Weg stehend reichen kann, Korn schneiden und
ihm (dem Pferd) zu (fressen) geben; er darf es
(das Korn) aber nicht mit sich wegführen."

Illustration aus dem Sachsenspiegel
Die Illustration aus dem Sachsenspiegel zum im Text zitierten Paragraphen.
(Folio 41v aus dem Cod. Guelf. 3.1 Aug. 2° der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)

Aus den alten Texten kann man viel über das Denken und Fühlen der damaligen Menschen lernen. Denn im Sachsenspiegel wurde Gewohnheitsrecht niedergeschrieben, er ist keine theoretische Abhandlung. Der Autor des Sachsenspiegels (Eike von Repgow) schrieb nieder, was zu seiner Zeit gängige Ansicht und alltägliches Denken war. Dieses Denken den heutigen Menschen nahe zu bringen, wäre das nichts für einen Mittelaltermarkt?

Aber wie bringt man Leben in die trockenen Gesetzestexte?

Ganz einfach: Man spielt Szenen von damals nach.

Aus dem Leben gegriffen

Dabei haben wir ganz bewußt auf 'Sensationsprozesse' verzichtet. Bei uns geht es nicht um Mordanklagen oder Hexenprozesse (letztere kamen sowieso erst nach dem Mittelalter in Mode), sondern um das Alltägliche, wie man es bei jedem Gerichtstag hätte antreffen können. Da streitet eine Witwe um ihr Erbe, zanken sich zwei Ritter um den Wert eines Pferdes, verlangt ein Bauer Schadensersatz für sein gestohlenes Korn, das ein Reiter für sein Pferd geschnitten hat (siehe oben), beschwert sich ein Reisender über eine verschwundene Straße.

Gerichtsverhandlung - der Richter und die beiden streitenden Parteien.

Gerichtsverhandlung - eine Witwe streitet um ihr Erbe.

Gerichtsverhandlung - in Traun sitzt der Bürgermeister als Marktvogt mit am Richtertisch.
Szenen verschiedener Gerichtsverhandlungen aus Purgstall und Traun. Im untersten Bild hält der Bürgermeister von Traun Gericht, mit einem Via Nostra Mitglied als Beisitzer.

Infotainment

Wir möchten mit den Gerichtsverhandlungen unterhalten. Wenn sich zwei Ritter wüst beschimpfen, weil der eine ein Streitross verloren haben will, in dem der andere nur ein altes Kutschpferd sieht, oder wenn der Richter (vergeblich) versucht, eine vorlaute Witwe zum Schweigen zu bringen, dann sind die Lacher vorprogrammiert. Aber auch lernen soll man aus den Fällen etwas. Etwa darüber, welchen Wert ein Pferd damals hatte. Oder warum eine Frau stets mit einem Vormund zum Gericht kam. Oder dass ein Haus im Erdgeschoß eine Tür haben musste, und warum.

Unsere mittelalterliche Gerichtsverhandlung soll das Leben vor 800 Jahren wieder lebendig machen, mit Anektoden, die damals tatsächlich so hätten passieren können

Das Drehbuch

Wir haben etwa ein halbes Dutzend Streitfälle zusammengestellt und ausgearbeitet. Je nach Zeitrahmen werden für einem Gerichtsag davon drei bis vier Fälle ausgewählt, die nacheinander verhandelt werden.

Der Kläger tritt vor und bringt seine Klage zu Gehör. Dann darf der Beklagte seine Version des Falles vortragen. Der Richter sammelt Beweise, fragt nach Zeugen, verhört die beiden streitenden Parteien.

Schließlich fällt der Richter sein Urteil - oder auch nicht. Als Höhe- und Schlusspunkt der Vorstellung kann es auch einen Gerichtskampf geben, in dem über Schuld oder Unschuld entschieden wird.

Gaststars

Wir legen Wert darauf, dass andere Gruppen und auch der Veranstalter in die Vorführungen mit eingebunden sind.

Gibt es einen Burgherren oder einen Marktvogt, dann sollte dieser auch den Vorsitz über das Gericht führen. Wenn er sich es zutraut, kann er dann auch gerne selbst die Verhandlung führen (allerdings muss er dann schon zwei bis drei Stunden einplanen, um sich in die Materie einzuarbeiten, und mindestens eine Durchlaufprobe mitspielen, um den Ablauf kennen zu lernen). Normalerweise wird er sich also einen Beisitzer, jemanden von uns, an den Richtertisch holen und diesen die Arbeit machen lassen.

Für die weniger schwierig zu lernenden Fälle pflegen wir mindestens eine der streitenden Parteien von anderen Lagergruppen zu rekrutieren. Das bringt zusätzlich Abwechslung in die Vorführung und gibt der Show mehr Leben.

Credits

Ehre, wem Ehre gebührt.

Wir sind keineswegs die Einzigen und auch nicht die Ersten, die in dieser Form einen Gerichtstag aufführen. Zum ersten Mal gesehen habe ich dies beim Hessischen Ritterbund. Die hervorragenden Aufführungen während der von diesem Mittelalterverein veranstalteten Mittelaltermärkte auf Burg Herzberg bei Alsfeld (Hessen, Deutschland) sind auch die Vorlage, die mich dazu gebracht haben, etwas Ähnliches in Österreich zu inszenieren.

René Schwab, 14.11.2007

 

Borte (Seitenabschluß)